Tennis-Kolumne: Vom Glanz des Goldes und der Beständigkeit metallener Hüften


Ein paar Jahre ist es erst her, da lautete eine beliebte Frage an die deutschen Tennisherren, was sie sich denn von den „Golden Girls“ abschauen könnten. Gemeint waren Angelique Kerber, Julia Görges, Andrea Petkovic, Sabine Lisicki oder auch Laura Siegemund, die aus den Kaderschmieden der Republik, speziell dem Porsche Talente Team stammend, Sand, Gras und Hartplatzgummi der internationalen Courts aufwirbelten und die Weltrangliste aufmischten. Top Ten, Grand-Slam-Siege, Sponsoren-Verträge: Wenn auch gut in den Top 100 vertreten, fehlte den fleißigen Männern das „Glamourn“, das Angie, Jule, Petko und ihren Erfolgen wie Goldstaub an den Sohlen ihrer Tennisschuhe klebte.

Vor sieben Jahren kam ein 17-Jähriger daher, der seine Träume in Trophäen verwandelte und als mittlerweile 24-Jähriger zweimaliger Weltmeister und Olympiasieger in seiner Disziplin ist. Andere starke Männer haben sich Alexander Zverev angeschlossen, wenn auch nicht jeder deutsche Tennisspieler so vielfältig in den Schlagzeilen der Weltpresse verschiedener Ressorts abgebildet ist.

Bei den Australian Open, jenem Grand Slam, in dem Angie Kerber nach ihrem ersten Sieg bei einem der vier wichtigsten Tennisturniere der Welt ins kalte Wasser sprang, erwischte die Golden Girls und das gesamte deutsche Damentennis heuer eine kalte Dusche: Nach Runde eins ist keine einzige Spielerin aus dem Geburtsland der großen Steffi Graf mehr dabei. Dabei sah es heuer eigentlich gut aus: Angie spielte so gut wie schon lange nicht mehr, ähnlich Petko. Die Freundinnen hätten zum Ende ihrer Karrieren noch einmal für Überraschungen sorgen können. Corona nahm Kerber einmal mehr die Chance auf eine gute Vorbereitung. Die Erstrundenniederlage war auch noch ein Geburtstagsgeschenk zum 34., das sich keine wünscht. Via Twitter, versicherte Angie ihren Fans, das sie das einfach abhakt. – Auch für die Kielerin gibt es anderes im Leben, das sie glücklich macht.

Zum Tennismärchen taugte jüngst die Premiere eines jungen Talents. Die Britin Emma Raducanu hatte mehrfach Glück: Ein guter Start in Wimbledon 2021, Überraschungssieg bei den US Open, rechtzeitig beendete Covid19-Isolation und eine souveräne Partie der 19-Jährigen bei ihrer Australian-Open-Premiere 2022 gegen die schwierige Gegnerin Sloane Stephens.

Gute Nachfolgerinnen für die deutschen Golden Girls im Tenniszirkus stehen auch beim DTB in den Startlöchern. Sie haben noch Raum für ihren Traum.

Zurück zu den deutschen Männern: Am zweiten Tag in Melbourne stand Philipp Kohlschreiber auf dem Platz. Der 38-jährige Augsburger kam und siegte und gab im Anschluss gutgelaunte Antworten via Eurosport. Er spiele, weil er „als Letzter oder Vorletzter reingerutscht“ sei. Und: „Ich bin froh, dass ich aus dem feuchten, grauseligen Wetter in Deutschland rauskomme und hier Tennis spiele.“ Das sei doch etwas Schönes, das man mit seinem Leben und seinen Tagen dieser Tage anfangen könne, signalisierte „Kohlis“ glänzendes Strahlen nach seinem erfolgreichen Auftaktmatch.

Nahezu erstaunt wirkte Andy Murray, der sich mühsam und siegreich durch die erste Runde kämpfte, anschließend auf die Frage, wie er sich fühle. Zur Erinnerung: Der „Sir“ aus Schottland war vor drei Jahren feierlich mit Video-Botschaften seiner Wegbegleiter und Tränen beim „Happy Slam“ verabschiedet worden. Keiner rechnete mit der Rückkehr des Briten zum Tenniszirkus. Schließlich stand dem Vierten der „Big Four“ eine Operation bevor, die seine viel geschundene und unerträglich schmerzende Hüfte mit einem Metallteil auffüllte. – Melbourne 2022: War da was? Andy Murray ist wieder da und verkündet fast empört, dass er sich natürlich gut fühle. Was hat er vor: „Ich will Titel holen, natürlich“. – Titel, Gold, Rekorde, eine gute Zeit auf dem Platz: Was sonst?

Grand Slams, der Traum von Golden Slam: Die Zeiten wandeln sich, die Mitwirkenden ändern sich. Manches bleibt gleich. Das eine Gold glänzt ein wenig mehr nach außen, anderes Metall mehr im Verborgenen. Doch ein gewisses Strahlen vergeht nie ganz. Man muss nur daran glauben.

Annegret Handel-Kempf

Alexander Zverev spielt sich bei den BMW in München warm.
Alexander Zverev spielt sich bei den BMW Open in München warm. Foto: Annegret Handel-Kempf