Die Linguistik der bayerischen Windkraft und des norddeutschen Politikstils aus Berlin

Analyse/Meinung:

„1 Windkraft von Robert“ mit der Ruhe stiftenden Rhetorik?

Beim Besuch des Superministers aus Berlin in Bayern verzichtet Habeck auf „hoheitlichen“ Habitus und hört genau hin

Robert Habeck hat eine spezielle Art zu reden. Der 52-jährige Philosoph, Germanist und Philologe liebt lange, komplizierte Satzkonstruktionen. Er wählt Begriffe, die von einfacher Sprache weit entfernt sind. Überraschend kommt der grüne Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister mit der großen Machtspanne immer wieder sehr konkret zur Sache. Ungeachtet dessen, dass der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder mit einem hurtig verschnaufenden: „der Minister“, Habecks Machtweite qua Amt und Sprachkompetenz mit einem sprachtaktischen Kürzel zu verengen sucht.

An diesem kalten, leicht verschneiten Januartag in München sagt der Gast aus Berlin etwa: „Der Windkraftausbau ist in Bayern völlig zum Erliegen gekommen.“ Später dann, bei derselben Pressekonferenz zum Besuch des Regierungsvertreters, scheint er sich sogar in kindgerechter Sprache ermutigend auf die Seite der mit einer 10H-Abschaffung hadernden Bayerischen Staatsregierung zu schlagen: „Wenn die Ausbauzahlen wieder deutlich an Fahrt gewinnen, kommt das nächste Bundesland: „Guck doch mal, was die Bayern machen“… Dann kommt das hoffentlich voran.“

Es ist erstaunlich: Habeck malt ein Schlaraffenland in die Köpfe seiner Zuhörer, wie schön und vorbildlich es sein könnte, wenn Ausnahmeregelungen, die Söder anstelle einer Abschaffung von 10H anbietet, tatsächlich greifen sollten. Mehr noch: Er streichelt das Ego von Menschen, ob Gewählte oder Wähler, im südlichen Freistaat. Der Klimaschutzminister zeigt sich bewusst fürsorglich und dankbar, eingedenk der Tatsache, dass kein bayerischer Minister mit eigenem Ministerium derzeit in der Bundesregierung vertreten ist.

Habeck, der listig-pragmatisierende Philosoph stellt Bayern als Vorzeigeschüler vor eine Handvoll anderer vermeintlich lernunwilliger Bundesländer, die mit dem dringend notwendigen Ausbau der Windkraft nicht recht vorankommen. Die zu wenig Energie aus den Regungen der Lüfte nutzen, obwohl sie keine Abstandsregelungen haben, bei denen die Höhe der Windräder und die Entfernung zur nächstgelegenen Siedlung korrelieren.

Damit kommt der Schleswig-Holsteiner, der das politische Tagesgeschäft beim Ausbau der Umweltfreundlichkeit aus seiner Zeit als Landesminister beherrscht, dem machtbewussten, Bayerischen Ministerpräsidenten auf der Diskussionsebene entgegen. Anstelle „hoheitlich“ 10H auf Bundesebene einzukassieren. „Finde ich sehr gut, dass Sie auf Dialog und nicht allein auf Hoheitliches setzen“, sagt der CSU-Politiker zum hochrangigen Bundesminister, der auf bevormundende Töne komplett verzichtet, wie sie seiner Grünen-Partei teils vorgeworfen werden. Mit Habeck habe er ein „konstruktives Gespräch geführt, sachkundig“. Söder begründet die gelungene Annäherung zu den Abstandsregelungen zwischen Bayern und Bund, über das Gespräch statt über das Gesetz, mit dem Argumentationseinstieg: „Wenn man die intellektuelle Bereitwilligkeit hat, sachkundig zu diskutieren…“.

Die Frage nach dem Beschreiten von Pfaden

Das Ziel ist der Weg im Prozedere des politischen Taktierers aus dem Überlegungskosmos, der sich auf die Überlebensmöglichkeit der Welt und mit ihr der Wirtschaft gründet. Habecks unverhohlene Motivation, vorerst nicht auf eine Abschaffung von 10H zu beharren, leitet sich möglicherweise aus dem von ihm favorisierten, pragmatischen Idealismus her: „Wir werden uns an verschiedenen Stellen immer gegenseitig brauchen. Wenn es aber gelingt, dass die gesellschaftliche Bereitschaft zu einer positiven Dynamik führt, sind wir auf dem richtigen Pfad.“

Aus Habeck sprechen zugleich vorsichtige Skepsis und motivierende Zuversicht: „Markus Söder sagt, dass 10H kein Verhinderungsszenario ist. Wenn dem so ist, muss man weitersehen.“ Der Wirtschafts- und Klimaschutz-Superminister erwähnt das Stichwort „Staatsforst“, welches Söder bereits im Sommer ins Spiel gebracht hatte. Es geht dabei um Wald, der als Aufstellfläche für unbegrenzte Windräder dienen soll. „Es wird von vierstelligen Zahlen geredet“, sagt Habeck. „Wenn das so ist, ist das eine Menge. Wenn weitere Maßnahmen hinzukommen, sind wir auf einem guten Pfad.“ Nachdem den Ankündigungen Söders vom Sommer noch nichts Offensichtliches gefolgt ist, überrascht Habecks nächster Satz nicht: „Die Frage ist, wird dieser Pfad beschritten.“

Söder indes gibt sich defensiv, springt argumentativ in die psychosoziale Ebene, betont gar eine Empfindung: „10H nicht als Verhinderungs- sondern als Bürgerbegleitungsinstrumentarium“. Passend winkt der Bayerische Ministerpräsident mit Belohnungen: „Wir haben über Ausnahmen geredet, zum Beispiel Repowering.“ Eines seiner Zugeständnisse in seinem ersten Windenergie-Gespräch mit dem neuen Bundesminister besteht darin, anzukündigen, Windkraftanlagen zu erneuern, die schon vor der 10H-Regelung bestanden, also für ihre Höhe quasi zu nah an Gebäuden stehen, statt sie 10H-regelkonform und ersatzlos zu demontieren.

Dem Nordlicht Habeck kommt es nach Lage der Statements nicht auf Bevormundung, nicht auf die reine Lehre an, sondern auf den „Spirit“: Ein Stichwort, das er während eines Statements des Bayerischen Ministerpräsidenten einwirft.

Söder dazu: „Wir in Bayern haben einen anderen Spirit. Wind ist aus der Ferne wahnsinnig sympathisch, aus der Nähe ist er manchmal sehr erdrückend.“ Das Angebot des Bundes zu reden sei neu: „Ursprünglich hieß es, 10H kommt weg.“ Habeck habe angeboten, über andere Genehmigungsfragen, beispielsweise mit Blick auf den Naturschutz zu reden. „Das hat auch mit Wasserkraft zu tun. Wir alle wollen regenerative Energien und günstigen Strom aus regenerativen Energien.“

Eine Demonstrantin, die auf Habeck wartet, hält vor den Türen der Bayerischen Staatskanzlei ein Pappplakat in die Kameras: „Robert, ich will 1 Windkraft von dir.“ Bis auf weiteres bekommt sie allerdings fürderhin 10H vom Bayerischen Ministerpräsidenten.

Dabei gibt Markus Söder zu: „In der Tat beim Wind – da liegen wir auf Platz acht.“ Ein „Sprungbrett auf mehr“ bei den Erneuerbaren Energien sei „tatsächlich da“. Obwohl Bayern der Primus, der Erste, in so vielen anderen Feldern der regenerativen Energien sei.

Habeck sagt noch etwas, als er nichts mehr sagen soll. Als die Pressekonferenz für beendet erklärt wird. Er stellt etwas klar, zum Thema, dass Bayern ohne Minister im Bund nicht ausreichend Gehör finden könnte: „Schleswig-Holstein hat lange Zeit keinen Minister in der Bundesregierung gehabt. Ich möchte nicht so denken. Ich bin Bundesminister für Deutschland, nicht für ein Bundesland.“ Darum, dass die Windkraft in Bayern ausgebaut wird, kümmere er sich „aus Sorge um die nationale Versorgungssicherheit“. Der Bundeswirtschafts- und -Klimaschutzminister erwähnt Verhinderung und Unterbietungswettbewerbe, konstatiert ein weiteres Mal in schlichter Manier: „Da sind wir, im Kreislauf nach unten“.

Robert Habeck wählt als Chef des entscheidenden Zukunftsressorts der Bundesrepublik Deutschland, zum Abschluss des Anfangs seiner Verhandlungen mit Bayern, einfache Worte: „Wir brauchen die Erneuerbaren, um als Bundesrepublik zu brillieren.“

Annegret Handel-Kempf, München, 20. Januar 2022

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Nach dem Regierungswechsel und der Kanzlerwahl – Die Ampel schaltet und waltet: Start einer Politik mit Re-Demokratisierung?

Ein klein wenig gerührt wirkt er dann doch, der neue, neunte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, als ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Ernennungsurkunde überreicht und zuvor deren Text vorliest.

„Roboterhaft“ ungerührt sei das stoisch in sich ruhende, ehemalige Hamburger Stadtoberhaupt in seinem Auftreten, lautet ein stiller Vorwurf an den einstmals partiell eruptiven Juso-Politiker. Das kann er. Aber auch verschmitzt mit den Augen zwinkern, was selbst über den Emotionen wegsperrenden Pandemie-Masken zu sehen ist.

Bei seinem „Ja-Wort“, als er die Wahl zum Bundeskanzler mit einer nicht zu knappen Mehrheit akzeptiert, bleibt Olaf Scholz sitzen. Nicht schüchtern, eher bescheiden. Aus der Mitte des Bundestags herausgewählt, dort nimmt er die Wahl an. Als einer von sehr, sehr vielen Volksvertretern, deren ausführender, erster Exekutivarbeiter er seit dem 8. Dezember 2021 ist.

Allein sitzt der mit 395 von 707 abgegebenen Stimmen gewählte Kanzler danach zunächst auf einem der 17 Regierungsstühle. Seine Minister werden erst später in Schloss Bellevue ernannt. Scholz ist dabei.

Da hat der 63-Jährige seinen Eid bereits abgelegt.  Zum Wohle des Volkes, „seinen Nutzen zu mehren, Schaden von ihm zu wenden“. Der gebürtige Niedersachse schwört den vorgeschriebenen Eid vor dem Bundestag, gemäß Artikel 56, im Angesicht der Urschrift des Grundgesetzes. Ohne Gottesbezug. Ein nüchterner Pragmatiker, der nun Verantwortung für ein sehr vielfältiges und nicht ganz einfaches Volk trägt.

Robert Habeck, Karl Lauterbach. Vor allem angehende Ampel-Minister gratulieren ein weiteres Mal herzlich. Handy-Fotos – mit und ohne Kanzler – sind an diesem Tag ausnahmsweise im Bundestag erlaubt. Die designierte Außenministerin und ehemalige Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, schüttelt jetzt kräftig die Hände mit dem neuen Regierungschef, nachdem sie den Kanzler gleich nach seiner Wahl durch die Abgeordneten umarmt hatte.

Scholz geht, unterbrochen von kleinen Gesprächen mit Manuela Schwesig, Malu Dreyer und anderen. Er geht seinen Weg aus dem Bundestag, zunächst ein weiteres Mal nach Schloss Bellevue. Diesmal zur Ernennung seiner Kabinettsmitglieder. Scholz‘ Eltern sind nch da, seine Frau. Auch Angela Merkel, nun Alt-Bundeskanzlerin, sitzt auf der Tribüne. Am Abend soll mit der konstituierenden Kabinettssitzung ein neues Kapitel in der Biographie des bisherigen Finanzministers und in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland beginnen. Die Ampel schaltet sich ein, mit kräftigem Licht auf Rot, aber auch mit viel Grün und nicht zu wenig Gelb.

Bundespräsident Steinmeier gibt dem neuen Kabinett mahnende Worte mit: „Sie tragen jetzt die Verantwortung für unser Land“, sagt Steinmeier zu den Ministerinnen und Ministern, denen er gerade die Ernennungsurkunde coronakonform zukommen ließ. „Für 82 Millionen Bürger.“ Der neuen Exekutive legt das Staatsoberhaupt den Zustand der Volksherrschaft ans Herz: „Unsere Demokratie lernt – sie kann Veränderungen. Unsere Demokratie ist stark. Das hat der gute, demokratische Übergang der vergangenen Tage gezeigt.“

Die Demokratie in Deutschland ist unter Druck. Doch die Ampel hat jetzt die Chance, an den notwendigen und attackierten Stellen auf „Go“ oder auf „Stop“ zu schalten. Die Zeit des Abwartens ist vorbei. Bei Corona und beim Impfen, beim Klima und bei der ökologischen Transformatiion von Wirtschaft und Gesellschaft. Bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, bei der Digitalisierung und beim Innovationsbedarf für eine überlebensfähige Wirtschaft, die auch die sozialen Systeme sichert.

Die Ampel-Regierung startet mit neuer Energie und voller Legitimation. Wenn sie es richtig macht, ignoriert sie den Pfeil, der für „rechts darf ohne Ampelschaltung abbiegen“ steht. Stoisch. So wie der neue Bundeskanzler Olaf Scholz wirkt.

Annegret Handel-Kempf

Schwammintelligenz in den Städten

Wie Technologien beim Umbau für die Umwelt helfen

„Nach uns die Sintflut“ ist keine gute Taktik, wenn Überflutungen, Dürren und Brände immer näher rücken. Institute, Verbände und Technologie-Entwickler wollen deshalb dazu beitragen, mithilfe von smarter Stadtplanung und Gebäudesanierung das Klima zu schützen. Hier ein Überblick.

Von Annegret Handel-Kempf

Verlässliche Projektionen, robuste Modellberechnungen und Beobachtungen aus verlässlichen Quellen, wie dem HYRAS-Datensatz des Deutschen Wetterdienstes, sind wichtig, um sich zu orientieren. Die Ausgangsfrage lautet: „Was passiert, wenn…?“ Starkregentage, Hitzetage, Windgeschwindigkeiten und Temperatur gehören zu den siebzehn Kenngrößen, an denen sich die Forschenden des Climate Service Center Germany (GERICS), einer Einrichtung des Helmholtz-Zentrums Hereon, orientieren. Sie haben nach einjähriger Datenauslese hierzu „Klimaausblicke“ für 401 Regionen und Landkreise entwickelt. Politiker, Verwaltungen und Privatleute sollen so mit klareren Aussichten, über Veränderungen in der Energieversorgung oder in der Infrastruktur entscheiden. Denn die Klimaausblicke stellen verschiedene Welten vor, die Menschen in ihrem aktuellen Handeln beeinflussen sollten: Fast ortsgenau jeweils ein Szenario mit viel Klimaschutz, ein Szenario mit mäßigem Klimaschutz und ein Szenario ohne wirksamen Klimaschutz.

Smarte Technologie hilft dabei, relativ verlässliche Prognosen zu erstellen. Für die Datenanalyseverfahren der aktuellen Berichte wurde im GERICS eine Auswerte-Software namens CLIMDEX neu entwickelt. Die Ergebnisse sind fein akzentuiert und deutlich: Wenn weiter so viele Emissionen ausgestoßen werden, wäre beispielsweise in den Gebirgsregionen der Alpen oder des Schwarzwalds besonders starke Erwärmung zu erwarten. „Es gibt nach unseren Untersuchungen nicht einen einzigen Landkreis, bei dem alles beim Alten bliebe, falls sich die Emissionen weiterhin auf gleichem Level bewegen oder sogar noch steigen würden. Die Frage ist: Was können wir durch wirksamen Klimaschutz vermeiden, und auf welche Veränderungen müssen wir uns auf alle Fälle vorbereiten?“, sagt Autorin Diana Rechid.

Verwaltungen, Politik, Unternehmen oder Eigenheimplaner finden auf einer Landkarte die sie betreffende Region, und können so mit einem Klick einen individuellen Klimaausblick herunterladen (https://www.gerics.de/products_and_publications/fact_sheets/landkreise/index.php.de).

Saugstarke Städte

Was ist zu tun? Sogenannte „Sponge Cities“, die Versiegelungen der Böden und somit Niederschlagsstauungen entgegenwirken, gehören zu Maßnahmen, die Stadtplaner und Bewohner beeinflussen können. Ebenso vertikale Gärten an den Häuserfassaden, die CO2 aufnehmen und kühlen, Recycling- und Biobaumaterialien, die möglichst klimaneutral zu verwenden sind oder intelligente Gebäudetechnik.

Hamburg und Berlin orientieren sich schon länger an wassersensibler Gestaltung der Kommunen. In Mexiko ist eine Stadt geplant, die große Wassermengen wie ein Schwamm aufsaugen soll. In Bayern ist beispielsweise die Stadt Pfaffenhofen an der Ilm engagiert darin, etwa städtische Grün- und Erholungsflächen so anzulegen, dass sie Hochwasser abmildern können.

Bau- und Planungsverbände in Bayern hatten bereits 2019 eine Kooperation vereinbart, aus der ein Leitfaden für Kommunen zur wassersensiblen Siedlungsentwicklung entstand, der im Januar dieses Jahres vorgestellt wurde. Die Beteiligten sprachen bei dessen Präsentation von Städten, die im Sommer kühl bleiben und im Winter Wärme speichern können, von grüner und blauer Infrastruktur mit Gewässern und Grünstreifen. Professor Dr. Wolfgang Günthert, Vorsitzender des DWA-Landesverbandes Bayern in der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V., äußerte: „Alle wasserwirtschaftlichen Maßnahmen zur Anpassung an die Klimafolgen müssen zielführend und rechtssicher sein. Ich empfehle daher die Anwendung der technischen Regeln der DWA für Planung, Bau und Betrieb der wasserwirtschaftlichen Infrastruktur, um Schäden so weit wie möglich zu vermeiden.“

Zum internationalen Tag des Ingenieurwesens für nachhaltige Entwicklung, dem „World Engineering Day“ der UNESCO, zeigte die Bayerische Ingenieurekammer-Bau zwei Monate später technische Möglichkeiten auf. „17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Welt hat die UN in ihrer „Globalen Agenda 2030“ definiert. Mindestens acht davon betreffen unmittelbar die Aufgaben der am Bau tätigen Ingenieure“, betonte Professor Dr. Norbert Gebbeken, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. Deshalb forderte er unter anderem, Städte nach dem Prinzip der „Schwammstadt“ zu errichten. Der Klimawandel führe verstärkt zu Starkregen und Hochwasser. „Städte, die so gebaut sind, dass sie Wasser aufnehmen und speichern können, sind deutlich besser gegen Schäden durch Wetterkapriolen geschützt. In Trockenperioden steht das gespeicherte Wasser den Pflanzen und Tieren zur Verfügung“, sagt Gebbeken. Dächer und Fassaden dürften nicht ungenutzt bleiben. Durch die Begrünung von Dächern oder der Installation von Photovoltaikanlagen entstehe ein wertvoller Beitrag zum Klimaschutz. Begrünte Fassaden trügen ebenfalls zu einem gesünderen Stadtklima bei und verhinderten das Aufheizen der Städte in den heißen Sommermonaten. Zudem plädiert Gebbeken dafür, Flächen zu entsiegeln und in (als Überflutungsflächen nutzbare, Anmerkung der Redaktion) Retentions- und Grünflächen umzuwandeln: „Wer Büsche und Bäume pflanzt, sollte finanziell bessergestellt werden als diejenigen, die ihr Grundstück großflächig versiegeln und Steingärten anlegen.“ Die Sanierung von Bestandsgebäuden sei in sehr vielen Fällen möglich und deutlich ressourcenschonender als Abriss und Neubau. Auch fordert der Kammer-Präsident, beim Abriss von Gebäuden die Baustoffe konsequent zu recyclen und wiederzuverwenden. Der Einsatz von nachwachsenden Naturbaustoffen, wie Holz, Lehm oder Stroh, müsse verstärkt geprüft werden. Praktische Ansätze für mehr Nachhaltigkeit im Bauwesen finden sich unter www.bayika.de/de/klimaschutz.

Revitalisierte Bürobauten

Vor einem Jahr trat das Gebäudeenergiegesetz mit dem Ziel in Kraft, bauenergetische Maßnahmen zu bündeln und die CO2-Emissionen von Gebäuden bis 2030 auf 70 Millionen Tonnen zu reduzieren.  Bei Neubauten ist häufig Beton, dessen Herstellung viel Energie verbraucht und Emissionen verursacht, ein Problem.

Den vor knapp 40 Jahren verwendeten Rohbeton zu erhalten, zu entkernen und neu zu gestalten, ist deshalb das Ziel bei der Revitalisierung des Bürokomplexes „Kustermannpark“ in München. Dabei geht es um insgesamt 40.000 Quadratmeter Flächen für Büros. „Alleine im Rohbau stecken 80 Prozent des CO2-Äquivalents“, so Timo Brehme, geschäftsführender Gesellschafter des Beratungs- und Architekturunternehmens CSMM. „Das zeigt, wie wertvoll und bedeutsam der Beton für die Ökobilanz ist. Es geht nicht nur darum, Dämmung und Heizung auf den neuesten Stand zu bringen. Ganzheitlich gedacht, ist eine Sanierung sogar klimafreundlicher, als es die vorgeschriebenen Energiestandards beim Neubau derzeit sind.“ Für den bereits fertiggestellten und im Oktober an das Personal- und Organisationsreferat der Stadt übergebenen Abschnitt an der Rosenheimer Straße hat CSMM elf Stockwerke und zwei Untergeschosse entkernt und saniert. Teile der Fassade und die Büroflächen wurden zusätzlich ausgebaut.

Standardisierte Sanierungen und dekarbonisierte Wärmeversorgung

Die Deutsche Energie-Agentur (dena), ein bundeseigenes Unternehmen, das Dienstleistungen erbringen soll, um die energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung zu Energiewende und Klimaschutz auszugestalten und umzusetzen, veröffentlichte im Oktober den Abschlussbericht der dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“. Beteiligt seien mindestens zehn wissenschaftliche Institute mit ihrer Expertise sowie mehr als 70 Unternehmen mit ihren Branchenerfahrungen und Markteinschätzungen. Ebenso ein 45-köpfiger Beirat „mit hochrangigen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“, verlautbarte die dena zur Veröffentlichung der aus dem Internet herunterladbaren Leitstudie: https://www.dena.de/fileadmin/dena/Publikationen/PDFs/2021/Abschlussbericht_dena-Leitstudie_Aufbruch_Klimaneutralitaet.pdf.

Die Beteiligten hätten gemeinsam untersucht, welche Technologiepfade aus heutiger Perspektive realistisch seien und welche Rahmenbedingungen es brauche, um diese bis 2045 in einem integrierten, klimaneutralen Energiesystem in Deutschland zu realisieren. Dabei seien konkrete Lösungssätze und CO2-Reduktionspfade für einzelne Sektoren (Bau, Verkehr, Industrie, Energieerzeugung sowie zu „Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft“, LULUCF), analysiert und identifiziert worden.

„Im Gebäudebereich haben wir sehr gute Erfahrungen mit Veränderungen gemacht“, sagte Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der dena, bei der Vorstellung der Studie in der Bundespressekonferenz – einerseits. Andererseits gab der dena-Chef zu bedenken, dass der Gebäudesektor „mindestens genauso schwierig“ umzuwandeln sei „wie die Industrie“.

Technologiepfade, die der neuen dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“ zufolge aus heutiger Perspektive realistisch sein sollen, sowie zugehörige Rahmenbedingungen, lesen sich folgendermaßen:

  • Im Gebäudebereich müssen die CO2-Emissionen allein bis 2030 um 44 Prozent sinken (von rund 120 auf rund 67 Mio. Tonnen in Kohlendioxid-Äquivalenten CO2ä).
  • Der Großteil der Minderungen (46,5 Mio. t CO2ä) entfällt auf Maßnahmen an der Gebäudehülle und technische Anlagen.
  • Der Einsatz von Wärmepumpen, der Ausbau der Anschlüsse an Wärmenetze muss massiv vorangetrieben werden. Im Szenario KN100 werden für das Jahr 2030 bereits 4,1 Millionen Gebäude mit Wärmepumpen versorgt, im Jahr 2045 sieht die Studie neun Millionen Wärmepumpen.
  • 2030 werden 1,3 Millionen weitere Wohnungen (gegenüber 2019) durch Wärmenetze versorgt werden, 2045 sind es dann 2,7 Millionen.
  • Auch der Einsatz von klimaneutralen Brennstoffen müsse sich bereits bis 2030 mehr als verdreifachen, von heute neun auf dann 32 Terawattstunden (TWh). Bis 2045 erfolgt eine weitere Vervierfachung auf 120 TWh.
  • Aufgrund der Vielschichtigkeit des Gebäudesektors mit seinen sehr spezifischen Herausforderungen sei aus heutiger Perspektive ein klimaneutraler Gebäudebestand ohne Wasserstoff und klimaneutrale Gase nicht denkbar. Eine besondere Herausforderung sei der dafür erforderliche Umbau der Infrastruktur.

„Um Klimaneutralität im Gebäudebestand zu erreichen, braucht es tiefgreifende Veränderungen mit hoher Geschwindigkeit. Gebäude mit dem schlechtesten Standard müssen zuerst angepackt, Sanierungsverfahren standardisiert, massiv intensiviert und die Wärmeversorgung schnell dekarbonisiert werden“, so Kuhlmann.

Foto-Copyright: Annegret Handel-Kempf

Elektromobilität und Brennstoffzellenantrieb – Matlok und Eckardt geben Gas mit Gleichspannungswandlern aus Erlangen: „Schlüsselkompetenz für alle elektronischen Fahrzeuge“

MÜNCHEN/ERLANGEN (AHK) Alle reden über Brennstoffzellen: Sind damit ausgestattete Fahrzeuge zukunftsträchtiger als E-Autos, deren Energie aus großen Akkus und Ladesäulen stammt?

Das Eine tun und das Andere nicht lassen, dachten sich zwei Forscher vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie IISB in Erlangen: Dr. Bernd Eckardt und Dr. Stefan Matlok wandten dafür hartnäckige Ingenieurskunst gegen die herrschende Lehrmeinung auf.

So gelangten Eckard und Matlok ans Ziel ihrer Forschung: Sie halbierten Leistungsverluste in Form von Wärme und steigerten so die Reichweite der Fahrzeuge. Für energiehungrige Nutzfahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe bringt ein Brennstoffzellenantrieb theoretisch die notwendige Power. Dabei wandelt eine Brennstoffzelle Wasserstoff in Strom um. Allerdings müssten die vielen Komponenten eines solchen Antriebs alle kleiner und leichter werden, damit das Fahrzeug möglichst energieeffizient unterwegs ist. Zu ihnen gehört der Gleichspannungswandler, der elementar wichtig ist. Denn er passt die Spannung der Brennstoffzelle an den Antrieb an und steuert den Energiefluss. Am 9. Oktober wurden die beiden Forscher bei der Jahrestagung  von Fraunhofer mit dem Joseph-von-Fraunhofer-Preis für ihre Entwicklung eines geeigneten Gleichspannungswandlers ausgezeichnet.

Auf den Wirkungsgrad kommt es an

Die elektrischen Wandler für die Brennstoffzellen beanspruchen derzeit etwa zehn Liter Bauraum. Der Wandler aus dem Fraunhofer IISB soll sich mit der Hälfte begnügen und mit einem sehr hohen Wirkungsgrad punkten. „Während herkömmliche Gleichspannungswandler einen Wirkungsgrad von etwa 97 bis 98 Prozent haben, erreicht unserer bis zu 99 Prozent“, so Eckardt, der Pandemie bedingt nicht bei der Preisübergabe vor Ort war. „Das mag erst einmal nicht sonderlich viel klingen, doch damit sind die Verluste mehr als halbiert und es kommt auf jedes Zehntel Prozent an.“ Durch den Wandler soll eine Leistung von 200 000 Watt fließen. Bei einem Verlust von einem Prozent bedeutet das: Es geht eine Leistung von zwei Kilowatt in Form von Wärme verloren. Die sparen die Forscher zugunsten einer nachhaltigen Mobilität jetzt ein.

Im Gegensatz zu kleinen PKWs haben große Fahrzeuge ein sehr großes Reichweitenproblem, wenn sie bei der Elektromobilität nur auf nachladbare Batterietechnologie setzen. Sie müssten die Ladesäule quasi im Gepäck haben. Als „Schlüsselkompetenz für alle elektronischen Fahrzeuge“ bezeichnete Matlok daher die neue Generation der Gleichspannungswandler für den Brennstoffzellenantrieb live bei der Preisübergabe, die für Gäste, Forscher und Presse über Internet-Streams und Microsoft Teams übertragen wurde.

Virtuell „vor Ort“ und Textredaktion: Annegret Handel-Kempf / Redaktionsbüro Smarte Zeitung

Neue Arbeitsplätze durch Neue Energien: 100.000 Fachkräfte für Wärmewende gesucht – „Schaffen“ für ein gutes Klima

ifeu-Geschäftsfüher Pehnt: „Erste zaghafte Pflänzchen“ beim Ausbau der Erneuerbaren Energien zu erkennen

MÜNCHEN/BERLIN (AHK) „Die Absenkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau wäre ein wichtiger Anstoß für die Verbraucher“, sagte BEE-Präsidentin Dr. Simone Peter gegenüber Journalisten zur Relevanz der Wärmewende.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) hat am 5. Oktober 2020 mit seinem Positionspapier „Krisen überwinden, Wachstum stärken, Wohlstand sichern“ seine Kernforderungen für die Bundestagswahl 2021 zum Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor auf einer Pressekonferenz vorgestellt.

„Die große Chance der Wärmewende besteht darin, dass eine wirtschaftliche Belebung auf verschiedenen Wertschöpfungsstufen mit Klimaschutzzielen und Kosteneinsparung in Verbindung gebracht wird“, so Peter. Immer noch würden annährend 85 Prozent der Wärme und Kälte mit fossilen Energien erzeugt. Vor allem im Gebäudebestand seien Effizienzmaßnahmen und die Umstellung auf saubere Energien erforderlich. „Insbesondere in gesamtwirtschaftlich unsicheren Zeiten aufgrund der Corona-Pandemie kann der Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor einen wichtigen Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen und regionaler Wertschöpfung leisten“, betonte die BEE-Präsidentin.

Unterstützt wird diese Einschätzung von Dr. Martin Pehnt, Wissenschaftlicher Geschäftführer und Vorstand des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu): „Der Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmemarkt stagniert seit Jahren!“ Das sei dringend zu ändern, damit der Wärmesektor seinen Beitrag zu Klimaschutz und Unabhängigkeit von Importen leisten könne. „Hier müssen wir nun mit ganz konkreten Maßnahmen umso dynamischer aufholen“, fordert Pehnt. Bis 2050 blieben nicht einmal 30 Jahre – dies sei ein sehr kurzer Zeitraum für den Wärmesektor, der durch langfristige Investitionszyklen geprägt ist.

„Erste zaghafte Pflänzchen“ seien im ersten Quartal 2020 mit einer Verdoppelung der Biomasse und einem Anstieg um 24 Prozent bei den Wärmepumpen im Bereich der Erneuerbaren Wärme zu erkennen. Immer noch würden jedoch viermal mehr fossile Kessel verkauft. Im Heizungsbau sollte es nach Pehnts Ansicht möglich werden, schnell auf geförderte Erneuerbare Wärme umzusteigen, wenn eine Heizung kaputt gehe.

Pehnt sprach bei der Präsentation konkret von 100.00 Fachkräften, die für einen Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor bemötigt würden.  „Für Menschen, die nach der Corona-Krise aus der Kurzarbeit kommen, bedeuten diese Arbeitsplätze eine große Chance“. Auch Ingenieure würden beispielsweise für den Fernwärmebereich gebraucht.

Text: Annegret Handel-Kempf / Redaktionsbüro Smarte Zeitung

Abschlussbericht der Enquetekommission zur KI – Studie: Künstliche Intelligenz wird Begleiter im Alltag

BERLIN/MÜNCHEN (AHK) „Die gute Nachricht: Mehr Menschen beschäftigen sich mit Künstlicher Intelligenz, nur noch fünf Prozent sagen, dass sie noch nie etwas davon gehört hätten“, so der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Achim Berg, am 28. September 2020, wenige Stunden, bevor die Enquetekommission „Künstliche Intelligenz“ ihren Abschlussbericht vorlegte. 

Dass fast 70 Prozent der Befragten KI nicht mehr als Gefahr sähen – 2017 waren es erst 47 Prozent – sieht der Verbandschef als „großen Erfolg der Kommunikation des Themas in den letzten Jahren“.
Der Digitalverband nahm die Öffentliche Aussprache zum Anlass, die Menschen in einer repräsentativen Umfrage mit 1004 Bundesbürgern zu befragen, wie weit KI in ihrem Alltag angekommen sei.

Das zunehmende Wissen über KI dürfte – Berg zufolge – auch damit zusammenhängen, dass bereits heute eine große Mehrheit im Alltag KI-Anwendungen nutze. An der Spitze stünden dabei Textvorschläge beim Nachrichtenschreiben (68 Prozent), Routenvorschläge bei der Navigation (62 Prozent) und Sprachassistenten auf dem Smartphone (60 Prozent). Aber auch Titelempfehlungen beim Streaming (44 Prozent), automatische Übersetzungen (42 Prozent), Fahrassistenzsysteme im Auto (39 Prozent) oder Kaufempfehlungen in Online-Shops (34 Prozent) würden bereits häufig bewusst eingesetzt. Jeder Fünfte (20 Prozent) verwende die Gesichtserkennung zur Entsperrung des Smartphones, jeder Achte (12 Prozent) die Gesichtserkennung für Fotos, um Personen leichter zu finden.

Die Bürger sähen eine herausragende Bedeutung von KI für Wirtschaft und Wohlstand. So gingen zwei Drittel (66 Prozent) davon aus, dass KI die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft stärken werde. Und drei Viertel (75 Prozent) forderten, dass Deutschland bei der Entwicklung und der Vermarktung von KI-Anwendungen eine weltweite Führungsrolle einnehmen solle.

Zugleich wünsche sich eine große Mehrheit (85 Prozent) eine sichere KI und verlange, dass KI-Systeme in Deutschland besonders gründlich geprüft und erst nach Zulassung in Geräten genutzt werden könnten. Nur eine Minderheit von 44 Prozent wolle in Deutschland bestimmte KI-Anwendungen verbieten.

Der Bitkom-Präsident: „Wir brauchen auf jeden Fall  keine neuen Gesetze für KI“.  Stattdessen plädiert er vehement für eine Weiterwentwicklung: „Vorhandene Regelungen reichen“. Erforderlich seien jetzt zudem Datenverfügbarkeit und Datensouveränität statt Datensparsamkeit. Bei KI-Forschung und KI-Förderung solle die Anwendung in den Branchen in den Fokus rücken. Notwendig sei aus BITKOM-Verbandssicht eine KI-Bildungsoffensive für eine breite Debatte zu Chancen und Herausforderungen. Im Europäischen Datenprojekt GAIA-X müssten – Berg zufolge – Cloud, Datenökonomie und Künstliche Intelligenz zusammen gedacht werden.

Text: Annegret Handel-Kempf / RB SMARTE ZEITUNG

Hinweis: Die Digitale Veranstaltung aus dem Deutschen Bundestag: „Mit Künstlicher Intelligenz jetzt Zukunft gemeinsam gestalten!“ wurde am 18. September 2020 ab 13 Uhr live auf www.bundestag.de gestreamt.

Wenn Wasserstoff das Erdöl ersetzen soll: Die Transformation der Energiewirtschaft spaltet Import- und Selbstversorgungsbefürworter

Von Annegret Handel-Kempf

München, 5. November 2020. Mit Wasserstoff das Wohnzimmer heizen oder die Waschmaschine antreiben? Das macht wenig Sinn, wenn es um ein einzelnes Eigenheim geht. Zu hoch sind die Verluste beim Hin- und Her-Umwandeln der Energie. Zu schlecht somit die Umwelt- und die Wirtschaftsbilanz. Darin sind sich viele Wissenschaftler einig. Eine Option gibt es doch für Haushalte, wenn es nach Federico Giovannetti vom Institut für Solarenergieforschung Hameln (ISFH) geht. Diese sieht der Forscher in bestehender Infrastruktur in Form von Wärmenetzen für Gebäude, in die „grüner Wasserstoff“ aus erneuerbaren Energien eingespeist werden könnte. In den Politiken sei Raumwärme aus grünem Wasserstoff, auch wenn er in solch großen Maßstäben verwendbar wäre, jedoch „wohl nicht priorisiert“, erläuterte der Ingenieur für Architektur- und Bauwissenschaft, der auch einen Doktor in Philosophie hat, bei der Jahrestagung des Forschungsverbands FVEE.

Anders sieht es mit Flugverkehr, Schiffsverkehr und Industrie aus. Erdöl soll dort bis 2030 oder 2050 weitgehend durch Wasserstoff ersetzt werden. Der Wegfall des Erdölgeschäfts könnte in manchen Ländern des globalen Südens damit kompensiert werden. Beispiele sind Saudi-Arabien und Mali. Wobei Versorgungssicherheit zu gewährleisten ist, zudem mögliche regionale Konflikte in den sonnenreichen Ländern einkalkuliert werden müssen. Außerdem deren verbleibende Möglichkeiten, trotz Wasserstoffproduktion für Industriestaaten, selbst auf Erneuerbare Energien umzustellen. Sicherheitsfragen spielen auch beim Transport eine Rolle. Ebenso Arbeitsplätze in Deutschland: Warum nicht gleich selbst Wasserstoff hierzulande herstellen?

Bei der Jahrestagung des Forschungsverbandes Erneuerbare Energien FVEE waren zum Thema „Import von Wasserstoff“ vorsichtige und kritische Stimmen zu hören. Manche Vortragenden und Tagungsteilnehmer bevorzugten regionale Lösungen. Aber auch die Losung „Deutschland wird Exportweltmeister bei den EE-Technologien und Importweltmeister beim Wasserstoff“ tauchte auf. Stichwort: Außenhandelsbilanz. Die Importeure sollen sich das Einkaufen weiter leisten können. Die Frage: „Ist es gut für die anderen, wenn die für uns den Wasserstoff produzieren?“, stellte Alexander Dyck vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in den Raum.

Kein Zweifel: Der „Green Deal“ der Europäischen Union und die Klimastrategie der Bundesregierung haben viele Gesichter.

Die Politikwissenschaftlerin Eva Hauser vom Saarländer IZES-Institut äußerte im FVEE-Chat: „Der Weg, den wir in BEniVEr wählen wollen, ist der, Typen von Ländern zu bilden, für die man unterschiedliche Risikoabsicherungsstrategien entwickeln sollte.“ – Im Rahmen der Forschungsinitiative „Energiewende im Verkehr“ (BEniVEr) untersucht die Begleitforschung fachübergreifende Analysen zu technischen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen. Die Entwicklung strombasierter Kraftstoffe und weiterer nicht-fossiler Erdölsubstitute sollen so von Instituten und Forschungsbereichen in größere Zusammenhänge gestellte werden. Die Initiative wird gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Das Thema „Wasserstoff“ wird vielerorts diskutier, intensiv erforscht und kommentiert.

Das Wuppertal Institut / DIW Econ führte in einer „Bewertung der Vor- und Nachteile von Wasserstoffimporten im Vergleich zur heimischen Erzeugung – Studie für den Landesverband Erneuerbare Energien NRW e. V. (LEE-NRW) vom 3. November 2020 an: „Nach einer Studie im Auftrag der Energieagentur NRW (Schindler 2019) können dagegen bereits heute die Produktionskosten von Wasserstoff aus onshore-Windstrom (ca. 80 €/MWh) in Deutschland als konkurrenzfähig mit den Importkosten aus Nordafrika der anderen Studien betrachtet werden.“ Diese Anmerkung findet sich unter der Überschrift: „Importkosten für grünen Wasserstoff aus Nordafrika gemäß Studienlandschaft“.

Christian Mildenberger, Geschäftsführer des LEE NRW, äußerste anlässlich der Veröffentlichung der Bewertungsstudie: „Im Energieland NRW sind die Unternehmen auf die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff angewiesen, um ihre Produktion klimaneutral zu machen.“ Die Studie zeige durch ihre Gesamtbetrachtung eindrücklich auf, dass dieser besser im eigenen Land erzeugt werden sollte. Mildenberger weiter: „Es wird zudem klar, dass H2-Importe nicht automatisch günstiger sind und die Wertschöpfungseffekte bei heimischer Produktion ein neues Wirtschaftswunder in Deutschland auslösen könnten, mit Blick auf die potenziellen Arbeitsplätze. Und die Erneuerbare-Energien-Potenziale dafür sind da.“

Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE), sprach sich ebenfalls dafür aus, grünen Wasserstoff regional zu erzeugen: „Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie haben wir in Deutschland bisher nur beschlossen, grünen Wasserstoff in großem Stil zu konsumieren. Jetzt muss auf die Agenda, ausschließlich grünen Wasserstoff zu fördern und ihn dann auch hier zu produzieren.“ Die Bundesregierung müsse „Blockaden lösen“ und Anreize setzen, um die entsprechende Zahl von Elektrolyseuren für grünen Wasserstoff, die Infrastruktur und ausreichend Strom aus Erneuerbaren Energien im eigenen Land zu erzeugen. Auf diese Weise würden Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz in der modernen Energieversorgung vereint.

Autorin: Annegret Handel-Kempf

Die Grafik zeigt die Prognose der Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte bei unterschiedlichen heimischen Produktionsanteilen, die mit einer heimischen Wasserstofferzeugung in direktem oder indirektem Zusammenhang stehen.

Bemerkung: „Untere Grenze“-Szenario entspricht 0% heimischer Produktion, „NWS“ entspricht 14 %, „Umlaut“ entspricht 45 %, „90 %“ entspricht 90 % und „Obere Grenze“ entspricht 100 %.

(Quelle der Abbildung und ihrer Erläuterungen: Pressemitteilung des BEE)

US-Wahl 2020: Rückblick auf 2016, aktualisiert aus der Sicht von 2020 – Yes we can again: Den globalen Traum von einer ökö-soziologischen Wende umsetzen“

Kommentar von Annegret Handel-Kempf

„Wir können nicht mehr warten“: So klang das Votum für einen unberechenbaren Donald Trump, nach zwei Wahlperioden mit Barack Obama, auf dessen „Yes we can“ riesengroße Hoffnungen geruht hatten.

Das Szenario des Scheiterns: Das komplexe politische System der USA, in dem sich Obama mit seinen Reformen nur marginal durchsetzen konnte. Der Niedergang des Industriestandorts, resultierend in Arbeitslosigkeit und Einkommensverlusten. Finanz- und Immobilienkrise, Hilflosigkeit der Menschen gegenüber unbarmherzigem Spekulantentum. Die Angst vieler, als Dienstleister mit der Job-Übernahme durch Maschinen nicht mithalten zu können. Die hohen Lebenshaltungskosten und vor allem der Untergang der Mittelschicht.

Eine Reihe von Faktoren, die mit Trump-Populismus seit 2016 erst recht nicht zu lösen waren, haben zur Abwahl des Establishments, für zu viele Wähler verkörpert in der Person Hillary Clintons, vor vier Jahren geführt. Joe Biden steht 2020 für eine Rückkehr in eine seriöse Gestaltung der Weltpolitik. Für viele bedeutet er auch eine Wiederanknüpfung an den Amerikanischen Traum, der zwischenzeitlich durch eine realitätsverleugnende Politikgestaltung zum Koma verkommen war. Doch es gibt viel zu tun, um alle Menschen mitzunehmen. Jene, die bislang und vor allem in den Jahren der Trump-Regierung ausgegrenzt waren, vom Streben nach Glück und Wohlergehen.

Was bedeutet(e) das?

Die ultimative Warnung an die westlichen Demokratien, endlich zu handeln, wieder eine Perspektive und Gerechtigkeit für die Mehrheit der Menschen in ihren Staaten und in der Europäischen Union zu schaffen.

Demokratien sind Mehrheitssysteme. Wer Rechtsstaatlichkeit bewahren will, muss das Leben, den Alltag, das Alter für sich mühende Menschen, die Mehrheitsstimmen bringen, wieder zustimmbar machen.

Die soziale Kälte und die auf Wirtschaftskalkül zugunsten einiger weniger konzentrierte Gesellschaftspolitik seit dem Ende des Kalten Krieges müssen schnellstens und endlich gedreht werden. Hier wäre die Chance insbesondere für Sozialdemokraten in Europa, ihrem Namen wieder gerecht zu werden, statt das Feld für Rechtspopulisten frei zu machen. Eine ökologisch-soziale Transformation der westlichen wie auch der osteuropäischen Demokratien ist in Zeiten der Klimakrise und der Pandemien notwendiger denn je.

Wie geht es weiter?

Politik verläuft in Wellen.

Gegenwärtig liegt vieles im Argen, weltweit, verschärft durch gefährliche Demagogie, Verleugnung von Fakten und Forschung, von blindem Populismus. In Fragen der Politikgestaltung, der Sicherheit, der Erhaltung der Erde und damit der Lebensgrundlagen für Menschen und auch Wirtschaft.

Nach Rechtsruck in Europa, Brexit und den Trump-Jahren muss sich die Welt aus dem destruktiven Tief wieder aufschwingen.

Alles kaputt zu schlagen bringt nichts. Das haben die Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts mit grausamer Geradlinigkeit bewiesen.

Die Zeit der Blauäugigkeit ist vorbei, auf einen Retter für Demokratie und Rechtstaatlichkeit aus den USA kann seit der Wahl 2016 keiner mehr bauen. Trump hat die westlichen Staaten in die Volljährigkeit entlassen.

Die Erde selber friedlich und freiheitlich-demokratisch zu richten, ist das Gebot der Stunde. Auch in den höchst gefährdeten, jungen Demokratien Osteuropas, auch in Deutschland mit seiner freiheitlich-demokratischen Grundordnung – hierzulande gibt es, wie in den USA, zu viele Ungerechtigkeiten und eine zu große Erschöpfung derer, die trotz aller Anstrengungen keine Perspektiven für ihre Gegenwart oder Zukunft sehen und doch das Land stabil halten sollten.

Nach dem zwischenzeitlichen Scheitern des amerikanischen Traums: Lassen wir den globalen Traum von einer gesellschaftspolitischen Wende Realität werden. Inspiriert von den jungen Ideen von Fridays for Future, die sich an der Realität und ihren antreibenden Limits orientieren, nicht an Realitätsverweigernder Selbstdarstellung oder an irgendwelchen Verschwörungstheorien.