Die Nicht-Wiesn – „Obgsagt is“ statt „o’zapft is“ zum zweiten Mal in Folge beim Oktoberfest

Von Annegret Handel-Kempf

„Wir müssen draußen bleiben“: Das heißt es künftig nicht nur in bayerischen Restaurationsbetrieben für Menschen, die nicht alle Auflagen erfüllen, um hineinzukommen. In viel größerem Maße, nämlich für alle Feierlustigen, gilt das für das Oktoberfest in der bayerischen Landeshauptstadt. Weil die große Schunkel- und Schaustellerbetriebe-Gaudi ein Volksfest ist und deshalb für alle offen sein soll. Nicht nur für einige wenige, speziell für Menschen mit einem Bapperl im Impfausweis. Offen für alle sein, genau genommen für die ganze Welt, ist die Intention des einstigen Hochzeitsfestes bayerischer Thronfolger, das Altbayern und Franken miteinander versöhnen sollte. Denn das Besondere des Münchner Oktoberfestes liegt ja darin, dass nicht nur Franken und Altbayern, sowie Schwaben, sondern sogar Australier, Italiener und Japaner gleichermaßen sich verbrüdern und verschwestern, wenn sie zur angeblichen Volksmusik auf den Tischen tanzen.

In Pandemiezeiten ist das schwierig. Sollen nur ortsansässige Münchner oder noch ein paar weitere Bayern aufs Traditions-Volksfest gehen dürfen? Das lohnt sich nicht, denn wer zuhause „vorwärmen“ kann, bringt den Wiesn-Wirten nicht genug Umsatz. Und zwei Wochen lang kann kein Münchner täglich auf die Wiesn ziehen, um das Geld, das er in dieser Zeit nicht verdient, mit exponentiellem Zuschlag auszugeben. Außerdem müsste man – wie draußen, vor der Wiesn – Masken tragen, wenn es eng wird. Abstand halten. Am besten sollten eh nur die Geimpften reingelassen werden, die aber womöglich ungeimpfte Bedienungen über Viren-Transmissionen anstecken. Schwierig, schwierig. Somit müssen doch einmal mehr alle draußen bleiben. Das Volk, die Welt, beim weltgrößten Gaudi-Fest. Auch wenn das in den ersten Monaten der Pandemie noch keiner gedacht hätte. Wer weiß, wie es weiter geht, mit Nicht-Wiesn, Digital-Wiesn, Dubai-Wiesn oder Masken-Wiesn?

„Man kann mit Prognosen ziemlich daneben liegen. Vor einem Jahr habe ich hier gesagt: Nächstes Jahr gibt es bestimmt wieder ein Oktoberfest“, sagte der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter am ersten Montag im Mai vor der kurzfristig eingeladenen Presse. Als das „globalste Fest überhaupt“ sei die Wiesn erneut nicht machbar. So der bayerische Ministerpräsident Markus Söder nach einem Gespräch mit Reiter. Den Kommunen werde empfohlen, dass auch die weiteren großen Volksfeste in Bayern nicht stattfinden sollten.

Der Donnerschlag fiel in diesem Jahr merklich leiser aus. Mehr überrascht als die Absage der Wiesn 2021 hätte es nicht nur die Münchner, wenn das weltgrößte Volksfest in diesem Jahr nach mehr als eineinhalb Jahren Pandemie stattgefunden hätte. Denn wenn es ein Synonym fürs Nicht-Abstandhalten gibt, dann ist es die entfesselte Umarmung der Gemütlichkeit auf der Theresienwiese in der bayerischen Landeshauptstadt. „Wer einmal auf der Wiesn war, für den ist klar: Das ist einfach nicht vorstellbar“, so der OB. Er habe sich mit Wirten und Beschickern getroffen. Laut Reiter hätten die Planungen für die diesjährige Wiesn jetzt konkretisiert werden müssen. „Sehr schade“ sei die Entscheidung für die Millionen Fans der Wiesn, aber auch wegen ihrer „existenziellen Auswirkungen“ für die Menschen, die dort arbeiteten.

Manch einen verwunderte es, dass das Oktoberfest überhaupt ein Thema war. In einer Situation, in der nicht einmal Biergärten mit der eigenen Familie besucht werden dürfen. In der Jugendliche – auch ohne Alkohol – abends nicht gemeinsam am Olympiaberg, im Englischen Garten, an der Isar oder den Münchner Haus-Seen zusammensitzen dürfen. In der auf der Theresienwiese ständig wie am Fließband getestet wird, weil kaum mehr ein Bett auf den Intensivstationen frei ist.

„Wir hatten eine Situation mit Werten um 25. Das ist mittlerweile mehrere Monate her“, erklärte Reiter. „Seither sind wir nur in eine Richtung unterwegs gewesen: Steigend. Da geht der Gesundheitsschutz eindeutig vor. Bei allen berechtigten Interessen, wirtschaftlicher Art.“

Doch sollten bis September nicht alle Menschen ein Impfangebot erhalten haben? Und selbst die Kinder bis zum Schulbeginn im September geimpft sein?

„Ich wäre sehr froh, wir hätten ein Impfangebot für alle in der Bevölkerung“, sagte Reiter dazu. Und verwies wieder auf die Ungenauigkeit von Vorhersagen. Außerdem: „Wie kriegen wir den Rest der Bevölkerung dazu, sich impfen zu lassen.“

Auf jeden Fall mag der 62-Jährige niemanden maßregeln, wenn es um das Leeren der Bierkrüge geht: „Ein Volksfest ist ein Volksfest. Da muss jeder hingehen können, der mag. Ohne Einschränkungen mit Blick auf Impfungen.“

Deshalb blickt er lieber auf die Wiesn 2022. So wie vor einem Jahr auf die Wiesn 2021: „Wenn es nächstes Jahr, und davon gehe ich aus, ein Oktoberfest geben wird, wird es wieder das Wiesn-Feeling geben“, sagte Reiter und verwies auf die „vielen Anmeldungen für dieses Jahr“, obwohl seit langem ziemlich klar war, und nicht nur ihm, dass das Oktoberfest in diesem Jahr nicht mit seinen Millionen Besuchern stattfinden kann.

Das unbeschwerte Wiesn-Feeling werde sich einstellen, „sobald wir wieder feiern dürfen und dabei ein gutes Gefühl haben, weil die allermeisten geimpft sind. Sowie die Pandemie weltweit okay ist.“ Eine sichere und ausgelassene Atmosphäre wünscht sich Münchens Oberbürgermeister für eine Wiesn, die endlich nicht mehr nicht stattfindet. Alle sollen hingehen können, ohne Einschränkungen durch Kontaktbeschränkungen.

Eine Nicht-Wiesn 2022 schließt hingegen der Ministerpräsident des Freistaats nicht aus. Söder: „Keiner kann sagen, wie sich die Pandemie entwickelt. Wir versuchen das zu machen, was möglich ist. Dieser Kurs ist der seriöse.“

Zu Trachten, Dirndln und Lederhosen könnte es bei der nächsten Wiesn, die nicht nicht stattfindet, allerdings eine Ergänzung im Kopfbereich geben. Söder geht nämlich davon aus, „dass uns die Maske in irgendeiner Form bleiben wird.“ Wenn auch nicht als Verpflichtung, sondern als automatische Schutzvorkehrung, wie sie in Asien schon seit Zeiten der Vogelgrippe Usus sei.

„Manches bleibt, manches wird neu erfunden“, resümierte der bayerische Regierungschef. Das Wiesn-Feeling komme wieder, weil die Menschen danach „hungern“ würden. Fröhlich beisammen sein und ungezwungen feiern. Bier konsumieren und im Vorfeld mit großem Ernst debattieren, um wieviel der Bierpreis in diesem Jahr steigt. Oder gar sinkt, weil die Pandemie alles auf den Kopf gestellt hat?

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wiesn stattfindet, ist wahrscheinlich höher als die Wahrscheinlichkeit, dass der Bierpreis sinkt„, übte sich der Mathe-Fan genussvoll in Wiesn-Wahrscheinlichkeitsrechnungen. „Wir werden versuchen, die Wahrscheinlichkeiten zu managen.“

Für 2021 heißt es in München aber erst einmal wieder: „Obgsagt is“ statt „o’zapft is“. Und wem das nicht taugt, der kann sich zum Abklatsch nach Dubai aufmachen. So er denn fliegen und einreisen darf. Denn noch müssen viele draußen bleiben. Aber draußen ist es auch recht schön. Und zwischen Feierabend und Ausgangssperre bleibt eh keine Zeit zum Feiern.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

 

Warum fehlen Luftreiniger?

Strömungsmechanik-Forscher Kähler kritisiert, dass ein politisches Signal für Luftreiniger in allen Klassenzimmern fehlt: „Nicht gegen Marktwirtschaft anregieren“

Ein beliebter Gag handelt davon, anderen Menschen Luft zu verkaufen. „Schön dumm, da mitzumachen“, denkt fast jeder. Durchaus kurzsichtig kann es in einer Marktwirtschaft sein, in einer Pandemie für Schulen keine Luftreiniger einzukaufen. Vielleicht aus Angst, selbst keine mehr zu bekommen, statt auf die Tatkraft des Mittelstands und die Gesetze des Marktes zu vertrauen?

Von Annegret Handel-Kempf

Christian Kähler ist Forscher. Deshalb informiert er über Forschung, die er im letzten Jahr gemacht hat, anlässlich der Pandemie. Zugleich ordnet er ein, was aus seiner Beobachtung heraus versäumt wird. Insbesondere durch die Politik. In Feldern, für die gar nicht so viel geforscht werden müsste, weil ihr Nutzen und Wirken beziehungsweise ihre Automatismen hinlänglich bekannt sind. So auch im April 2021, an dessen Ende in Bayern die Inzidenz-Zahlen für Jugendliche im 300er-Bereich lagen.

Stark sei die Pandemie durch die Strömungsmechanik getrieben, weil die Aerosolpartikel, auf der die Viren sitzen, sich mit der Luft ausbreiten. Aber auch, weil „die ganzen Entstehungsprozesse im Körper und die Ablagerung im Körper alles Strömungsmechanik ist“, sagt der Leiter des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in München.

Die Vermeidung, die Verhinderung der Infektion sei ebenfalls Strömungsmechanik. Deshalb habe er sich vor etwa einem Jahr auf dieses Thema „eingeschossen“, auch mit Studien.

Im Frühjahr 2020, zu Beginn der Pandemie, kommunizierte Kähler, wie gut Masken schützen. Bis heute testet er, wie gut diverse Luftreiniger unter unterschiedlichen Gegebenheiten und mit verschiedener Bauweise funktionieren. Seine drei Hauptkriterien für die Anschaffung eines geeigneten Geräts sind erstens die Volumenleistung im Verhältnis zur Raumgröße, um einen sechs- bis achtfachen Luftaustausch pro Stunde zu erreichen, zweitens die Filterqualität, um die Viren abzuscheiden beziehungsweise zu inaktivieren, und schließlich das leise und trotzdem effiziente Arbeiten von Geräten, die in Schulen oder Betrieben im Dauereinsatz laufen, da sie sonst stören und nicht genutzt würden.

Ausschließlich zu lüften, scheitere am Menschen und an der Physik. Wenn nicht durch ständiges Öffnen und Schließen von Fenstern, durch dadurch entstehende Unterschiede zwischen kalt und warm, oder durch Sturm wie an der Küste, echter Luftaustausch entsteht, sinke die Virenlast in der Raumluft kaum.

Schulen umzurüsten mit raumlufttechnischen Anlagen ist der beste Ansatz“, gesteht der Forscher zu. Diese riesigen, verbauten Objekte, die Hunderttausende Euro kosten, seien sehr leise. Solche RTLAs bedeuteten jedoch immer Neubau. Und so schnell bekommt man nicht alle Schulen neu gebaut. „Wir können sie nicht nachrüsten. Das wird 50 bis 100 Jahre dauern. Das muss man erstmal in die Verordnung reinbringen, das ist keine Lösung“, verwirft Kähler die teuerste Option. „Wir haben die Pandemie jetzt.“

Die mittlere Lösung für wenig mit Viren belastete Luft in Schulen sind fix stehende, stationäre Anlagen, für die Kernbohrungen nötig wären, zwei pro Klassenraum. Für sie gäbe es derzeit Fördermittel vom Bund. Doch diese großen, fest verankerten Geräte stellen mit ihren aufwändigen Genehmigungsverfahren auch keine schnelle Lösung für eine Pandemie dar: „Das dauert ein Jahr, alle Zettel auszufüllen, ein Jahr, um sie behördlich zu bearbeiten, ein Jahr für Ausschreibungen für Handwerker und Sonstiges“, listet der Hochschullehrer auf. „Im letzten Jahr werden die stationären Anlagen dann eingebaut. Als Zwischenlösung, die 20.000 Euro pro Klassenraum kostet.“

Kählers Resümee zufolge, kommen für Schulen in dieser Pandemie nur mobile Geräte in Frage, die aufgrund ihrer ruhigen Hochleistung und Langlebigkeit ein paar Tausend Euro kosten. „Die politischen Führer hätten sagen sollen: Wir wollen das. Diese Geräte haben einen nachweislichen Schutz, das ist seit 50 Jahren in der Krankenhaushygiene erwiesen.“

Laut Kählers Studien, sollte ein Luftreinigungsgerät, beim Stand der Pandemie in ihrem zweiten Jahr und angesichts von Viren-Mutationen, innerhalb von 60 Minuten etwa das sechs- bis achtfache Luftvolumen eines Klassenraums filtern, um indirekte Infektionen mit Corona vorzubeugen. Acht Luftwechsel müssten in einem Hörsaal pro Stunde erfolgen, 12- bis 15-mal sollte die Luft in einem Krankenzimmer ausgetauscht werden. Und zwar (in der zweiten oder dritten Filterstufe) mit einem HEPA-Filter (hochabscheidender Schwebstofffilter, High Efficiency Particulate Air Filter) der Klassen H13 besser noch H14, der nach der DIN-Norm EN 1822-1 geprüft ist. „Nur diese Filter scheiden auch wirklich 99,995 Prozent der Aerosolpartikel ab, die diese Viren tragen“, betonen Kähler und seine Mitautoren in ihrer Studie vom August 2020 zur Frage: „Können mobile Raumluftreiniger eine indirekte SARS-CoV-2 Infektionsgefahr durch Aerosole wirksam reduzieren?“.

Der Vorwurf des Wissenschaftlers: „Diese Geräte aus dem Markt rauszuhalten, ist großer Unsinn. Das ist Unfug, eine vollkommen verfehlte Politik, ein Schaden an der Bevölkerung.“ Ebenso sei es beim Impfstoff. Der Preis sei nicht so relevant. Kähler geht es um eindeutige Signale. „Die Industrie hätte viel mehr produziert, um Geld zu verdienen“, sagt der Strömungsmechanik-Experte. „Man muss doch mal Marktwirtschaft verstehen, wenn man so was macht, nicht gegen die Marktwirtschaft anregieren.“

Wenn man nicht einen Anreiz setze, würde es zum unternehmerischen Risiko, Tausende Geräte in Vorleistung zu produzieren: „Und dann sagt vielleicht die Regierung: Ne, wir wollen das nicht.“

Der Hochschulprofessor vertraut auf die Industrie: „Es gibt ganz viele Unternehmen, die solche Raumluftreiniger bauen, wenn das politische Signal käme, wir wollen alle Klassenräume ausstatten. Der ganze Mittelstand in Deutschland würde die Produktion hochfahren, sie würden den ganzen Bedarf nach kurzer Zeit decken.“ Das Geld würde idealerweise bereitgestellt vom Bund, weil es ja eigentlich „eine kleine Summe“ sei. „Es kostet 1,5 bis 2 Milliarden Euro, mobile Luftreiniger zur Vermeidung einer indirekten Infektion für alle Klassenräume in Deutschland, zusammen mit transparenten Schutzwänden, die eine direkte Infektion verhindern“, rechnet Kähler vor. Das sei wenig im Vergleich zu Staatshilfen, zu Lockdown-Kosten.

Und er sieht einen sozialökonomischen Nutzen, neben dem indirekten Infektionsschutz durch die mobilen Hochleistungsluftreiniger: „Wenn der Staat sagt, wir stellen Geld bereit, wird das Arbeitsplätze sichern, weil das den Mittelstand ankurbelt. Weil am Ende Steuern dabei rauskommen, da die Investition bewirkt, dass Arbeiterinnen und Arbeiter Geld ausgeben.“

Am Anfang der Pandemie waren es die Masken, deren Wirksamkeit in Frage gestellt wurde. Damals, als die Produktion in Asien stillstand und Mund- und Nasenschutz-Produkte deshalb knapp waren, während Corona sich weltweit ausbreitete. Professor Kähler wies im Frühjahr 2020 mit seinem Team vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik nach, dass Masken vor der Ausbreitung der Infektion schützen. Als sich die Intensivstationen füllten, schreckliche Bilder aus Italien kamen, wurden Schulen und Betriebe fast über Nacht geschlossen, um die Menschen vor Ansteckung zu schützen. Die Situation war AH-Lockdown, ohne Schutzschilder aus Flies oder Stoff. „Man wollte die Masken für sich selbst haben und für den medizinischen Bereich“, sagt Kähler ein Jahr später bei einem digitalen Roundtable, den ein Hersteller von kleinen Mono-Luftreinigern für den privaten Bereich veranstaltete.

Dort bat ihn die Verfasserin dieser Zeilen um seine Einordnung, warum es beispielsweise die Stadt München ablehnt, größere mobile Luftreiniger für die Schulen anzuschaffen. Virenlast-Reduzierer, die aus dem Profisegment kommen, deshalb auch leise und leistungsstark im Dauerbetrieb arbeiten könnten. Von der Pressestelle des Referats für Bildung und Sport hatte sie im März 2021 auf Nachfrage folgendes Statement erhalten:

„Als Sachaufwandsträgerin für die rund 350 öffentlichen Schulen in München hat die Landeshauptstadt eine Expert*innenrunde mit Vertreter*innen des Gesundheitsreferats, des Referats für Bildung und Sport, des Baureferats, des Fachdienstes für Arbeitssicherheit, des Betriebsärztlichen Dienstes und der Stabsstelle Krankenhaushygiene einberufen.

Diese Expert*innen kamen zu folgenden Ergebnissen: Die Anschaffung von mobilen Raumluftreinigungsgeräten wird für die Münchner Schulen derzeit nicht für sinnvoll erachtet, da der infektionspräventive Nutzen hinsichtlich Covid-19 bislang nicht nachgewiesen wurde und sie ggf. sogar kontraproduktiv wirken.“

Kähler reagierte mit klaren Worten: „Dieses Statement ist komplett falsch. Diese Geräte werden seit 50 Jahren eingesetzt, sie sind zertifiziert und lizensiert. Die Infektionswahrscheinlichkeit fängt an bei der Aerosolkonzentration im Raum und ist proportional zur Virenkonzentration, daher generieren sie weniger Infektionsrisiko.“

Die „falsche“, „generelle“ Aussage der Expertengruppe sei möglicherweise dadurch motiviert, dass auch schlechte Geräte auf dem Markt seien, für die man keine Empfehlung abgeben möchte, da diese nicht helfen. Doch der Wissenschaftler äußert weitere Vermutungen, „warum sich viele gegen die Anschaffung sperren“. Er sagt: „Ich könnte ihnen eine Liste auflegen, welche Behörden diese Geräte beschafft haben, das sind Tausende. Alle Ministerien haben das, viele Gerichte. Sie sehen das abends in den Nachrichten, diese ganzen Schutzvorkehrungen. Es wird nur noch versucht, diese aus den Klassenräumen fernzuhalten.“

Und dann kommt er auf einen vielleicht befürchteten Mangel an tauglichen Luftreinigern im Kostensegment von gemäßigten, einstelligen Tausenderbeträgen zu sprechen, der bei einem politischen Signal an den Markt gar nicht entstehen müsste. Kähler führt aus: „Grund ist meines Erachtens ein anderer. Wenn man sagen würde, wir wollen diese Geräte für Klassenräume, wären das viele Millionen. Wenn alle Klassenräume Lufteiniger bekämen, wären Geräte für die Allgemeinheit nicht mehr verfügbar. Das heißt, wenn ein Amt bei einer Firma bestellen will, wird es keine mehr kriegen.“ Das sei eine Motivation, möglicherweise.

Kähler erinnert an die Infragestellung des Nutzens von Masken. Er konstatiert „eine gängige Methode, die offensichtlich verwendet wird, um Bedarf in bestimmte Bereiche zu lenken, indem man sie anderen Bedürftigen vorenthält“. Sein Urteil zum „Heraushalten“ von Luftreinigern aus Klassenzimmern: „Eine verfehlte Politik an dieser Stelle.“ – Womit sich der Kreis zum „Anregieren gegen den Markt“ schließt. Und zu Risiken in Pandemien, die Luftreiniger in Schulen und Betrieben, neben Tests, herabsetzen könnten.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

Präsenzunterricht bei hohen Inzidenzen in der Pandemie: Luftreiniger mit Qualität sind kein Luxus – auch für eine Landeshauptstadt

Kaum eine Lockerung des Lockdowns wurde und wird so vehement gefordert, wie die bleibende Rückkehr von Schüler*innen an die Schulen. Doch solange Lehrer*innen, Kinder und Jugendliche nicht umfassend geschützt werden, ist das schwierig. Der Wechselunterricht wäre eine Option, wenn zugleich möglichst viel für die Ansteckungsprävention getan würde. Viele Sachaufwandsträger nutzen mittlerweile die Fördertöpfe, um mobile Luftreiniger mit hoher Filterwirkung in den Klassenräumen aufzustellen. Doch längst nicht alle, obwohl die Ansteckungsgefahr über Aerosole durch Mutationen noch zunimmt.

Von Annegret Handel-Kempf

Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Geld muss auch für die Gesundheit von Schüler*innen locker gemacht werden.

Große, mobile Raumluftreiniger können hocheffizient wirken. Als Standgeräte, teils sogar auf Rollen, lassen sie sich einfach anschaffen und aufstellen. Eine integrierte, thermische Reinigung ihrer Filter erhöht die Hygiene, reduziert den Wartungsaufwand und die Funktionskosten.

Schulaufwandsträger, in der Regel sind das die Kommunen, nutzen als Ausrede gerne bereits vorhandene, festverbaute, raumlufttechnische Anlagen (RLTAs). Doch deren Umrüstung wäre teuer und zeitaufwendig und für die jetzt geforderten Schulöffnungen zu spät abgeschlossen. Denn die Aufwertung von stationären Lüftungsanlagen im Bestand zu vireneffektiven Raumluftreinigern braucht zu viel Zeit für Genehmigungsverfahren und reichlich Geld für den nicht unkomplizierten Umbau.

Manch moderne, stationäre RLTA tauscht die Luft stündlich komplett aus. Das klingt gut, reicht aber nicht. Die Viren bleiben als Last im Raum, wenn die Luftwechselrate nicht deutlich erhöht wird.

Fest verbaute RLT-Anlagen könnten gegebenenfalls auch im Winter bei Frost effizient arbeiten, sofern sie für einen Umluftbetrieb mit hochklassigen Filtern ausrüstbar sind. Hier besteht aber die Gefahr, dass virenhaltige Aerosole wieder dem Raum zugeführt werden. Davor warnt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihrem Dokument „Infektionsschutzgerechtes Lüften – Hinweise und Maßnahmen in Zeiten der SARS-CoV-2-Epidemie“. Deshalb sollten „geeignete Methoden zur Luftbehandlung mittels Abscheidung oder Inaktivierung von Viren“ angewandt werden.

Die Behörde nennt als geeignetes Filtersystem HEPA-Filter nach DIN 1822-1. Zusätzlich sei der Volumenluftstrom anzupassen, damit nicht ein Überdruck den Luftwechsel senkt und Undichtigkeiten in den Lüftungsleitungen begünstigt.

Klingt kompliziert. Einfacher sind mobile Luftreiniger, die ein Jahr nach Beginn der Pandemie schon längst in jedem Klassenzimmer und anderem Unterrichtsraum stehen könnten. Doch Eltern, Virologen und Schulen rennen bei manchen Sachaufwandsträgern immer noch gegen Wände. Ausgerechnet hier schlägt in Pandemie-Zeiten der Sparfuchs durch.

Worauf es ankommt: Wenn nicht genügend frische Luft über Fenster hereinkommt, muss die Technik helfen. Sagt auch das Umweltbundesamt (UBA). Denn fünf- bis siebenmal pro Stunde sollte die Luft in Innenräumen komplett gegen frische Außenluft ausgetauscht bzw. wirksam gereinigt werden. Das heißt, ein Luftreinigungsgerät muss zur Corona-Prävention innerhalb von 60 Minuten etwa das sechsfache Luftvolumen des Raumes filtern. Und zwar (in der zweiten oder dritten Filterstufe) mit einem HEPA-Filter (hochabscheidender Schwebstofffilter, High Efficiency Particulate Air Filter) der Klassen H13 besser noch H14, der nach der DIN-Norm EN 1822-1 geprüft ist. „Nur diese Filter scheiden auch wirklich 99,995 Prozent der Aerosolpartikel ab, die diese Viren tragen“, betonen Professor Christian Kähler und seine Mitautoren in ihrer August-Studie zur Frage: „Können mobile Raumluftreiniger eine indirekte SARS-CoV-2 Infektionsgefahr durch Aerosole wirksam reduzieren?“. Kähler forscht am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg. Für die gefährlicheren Mutanten muss dem Experten zufolge die Luft sogar noch häufiger gereinigt werden.

Solange nicht Fachfirmen wirksame, mobile Luftreiniger aufstellen, besteht die Gefahr, dass in den Schulen vorhandene Sekundärluftgeräte als Ersatz genutzt werden. Das darf nicht geschehen. Denn beispielsweise Ventilatoren oder Heizluftgebläse könnten „Tröpfchen oder Aerosole mit Viren unter Umständen auf andere Personen lenken und so das Infektionsrisiko steigern“, lautet eine Warnung der Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin-Behörde BAuA vor Virenumtriebigkeit durch raumluftdurchmischende Technik ohne Reinigungswirkung.

In Berlin waren Mitte Januar, einer Umfrage der Deutschen Presseagentur zufolge, die Bezirksämter dabei, Luftreiniger zu besorgen, wenn auch nicht für alle Klassenräume.

Je länger keine verlässlichen Geräte angeschafft werden, desto größer wird die Gefahr, dass improvisiert und gebastelt wird, um Viren zu vertreiben: Die Weltgesundheitsbehörde WHO, das Umweltbundesamt (UBA) und diverse andere Institutionen raten, im Umfeld von Menschen auf Raumluftreiniger zu verzichten, die (ergänzend) mit ultravioletter Strahlung, elektrostatischer Wirkungsweise, Ozon, Plasma und Ionisierung wirken. Sie könnten reizen oder die Gesundheit gefährden. Hände weg, das gilt auch bei ungeprüfter und unerprobter Billigware aus zweifelhafter Quelle und mit niedrigen Standards. Aktivkohle-Filter, in Durchsatzgeräten häufig gegen Gase und Gerüche eingesetzt, haben allein keine Wirkung auf Viren.

Derzeit scheinen zumindest im südlichen Freistaat teils mehr CO2-Messgeräte als mobile Luftreiniger in Schulen aufgestellt zu werden. In der ersten Antragsrunde, die bis Ende Dezember 2020 lief, haben nach Auskunft eines Sprechers des
Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus rund 450 kommunale und private Schulaufwandsträger die Förderung von rund 4.600 mobilen Luftreinigungsgeräten beantragt. CO2-Sensoren seien in diesem Zeitraum von gut 1.600 Schulaufwandsträgern beantragt worden. In der aktuell laufenden zweiten Antragsrunde sollen bislang rund 400 kommunale und private Schulaufwandsträger Förderanträge für weitere rund 7.450 mobile Raumluftreinigungsgeräte gestellt haben. Das Ergebnis zeige, dass viele Schulaufwandsträger die Chance nutzen, die ihnen die Staatregierung mit dem Förderprogramm bietet. „Andere Schulaufwandsträger sind leider noch nicht aktiv geworden, etwa die Landeshauptstadt München“, so der KuMi-Sprecher. Für den Bereich der öffentlichen Schulen seien im staatlichen Förderprogramm noch Mittel verfügbar.

Von der Stadt München heißt es auf Nachfrage: „Als Sachaufwandsträgerin für die rund 350 öffentlichen Schulen in München hat die Landeshauptstadt eine Expert*innenrunde mit Vertreter*innen des Gesundheitsreferats, des Referats für Bildung und Sport, des Baureferats, des Fachdienstes für Arbeitssicherheit, des Betriebsärztlichen Dienstes und der Stabsstelle Krankenhaushygiene einberufen. Diese Expert*innen kamen zu folgenden Ergebnissen: Die Anschaffung von mobilen Raumluftreinigungsgeräten wird für die Münchner Schulen derzeit nicht für sinnvoll erachtet, da der infektionspräventive Nutzen hinsichtlich Covid-19 bislang nicht nachgewiesen wurde und sie ggf. sogar kontraproduktiv wirken.“

Die Münchner Schulen erhielten außerdem die Möglichkeit, zur Umsetzung des individuellen Lüftungskonzepts CO2-Messgeräte für ihre Klassenzimmer anzuschaffen. Die CO2-Ampeln gäben einen Hinweis, wenn sich die Luftqualität im Raum verschlechtert.

Immerhin könnten Kohlendioxid-Messgeräte feststellen, ob wirklich Luft ausgetauscht wird. Sie dürften jedoch nicht als Indikator für die Virenlast im Raum missverstanden werden. Dies rechneten Kähler und Kollegen Ende September in einer weiteren Studie mit dem Titel: „Schulunterricht während der SARS-CoV-2 Pandemie ‒ Welches Konzept ist sicher, realisierbar und ökologisch vertretbar?“ anhand mathematischer Modelle vor. Das Problem der Kohlendioxid-Messer: Anzahl und Aktivität der Menschen im Raum berücksichtigen die CO2-Ampeln den Forschern zufolge nicht und sie zählen keine Viren.

Fenster-Aufreißen reicht nicht. Und CO2-Messer wiegen uns in falscher Sicherheit. Lüften vor Unterrichtsbeginn treibt vorübergehend sogar die Aerosol-Konzentration hoch, während der CO2-Wert sinkt. Das stellte ein Team um Joachim Curtius von der Arbeitsgruppe Experimentelle Atmosphärenforschung an der Goethe-Universität Frankfurt fest, als es in einer Schule mobile Luftreiniger mit einem HEPA-Filter ausprobierte und seine Ergebnisse in einem Preprint veröffentlichte.

Fazit – Endlich shoppen gehen und mobile Hochleistungs-Luftreiniger kaufen: Investitionen in mobile Luftreiniger werden teilweise vom Staat gefördert. In Bayern in einer zweiten Antragsrunde noch bis Ende März, mit bis zu 50 Prozent bzw. einem Förderhöchstbetrag von 1.750 Euro pro Raum – jetzt auch für alle Räume, wie Minister Piazolo betont.

Mehrere solcher Geräte wurden in Deutschland neu entwickelt und von Wissenschaftlern intensiv getestet. Als Referenz-Produkt für seine Studien verwandte das Institut für Strömungstechnik und Aerodynamik der Bundeswehr-Uni München solche Hochleistungs-Luftreiniger. Die mobilen Geräte wurden mit besonders hoher Filtervolumenleistung speziell für mittlere und große Räume wie Schulklassen, Büros oder Gastronomieräume konstruiert und getestet. Die Viren im Filter sollen durch die Erhitzung zerstört und der Entstehung von Bakterien, Biofilmen und Pilzen ohne gesundheitsschädliche chemische Zusatzstoffe oder UV-C-Strahlung entgegengewirkt werden.

Krankheiten, die durch Keime, Bakterien und Viren hervorgerufen werden, inklusive Corona und Influenza, sollen mit mobilen Luftreinigern vermieden, die Pollen- und Staubbelastung gesenkt und das Wohlbefinden von Allergikern und Asthmatikern gesteigert werden. Lernen würde so leichter und angenehmer.

Das heißt, mobile Luftreiniger könnten auch nach der Corona-Pandemie dazu beitragen, dass Kinder entspannter im Klassenzimmer sitzen und weniger Krankheiten aus der Schule mit heimbringen. Das sollte uns die Anschaffung wert sein. Und gegenwärtig ist Präsenzunterricht sowieso nur dann zu verantworten, wenn die Luft so rein ist, wie es technische Maßnahmen hergeben.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

Entsorgt das Corona-Management von Faxgeräten und haltet Gesundheits-Innovatoren im Land

Von Annegret Handel-Kempf

Ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie hat Deutschland immer noch ein massives Problem mit der Übertragung von Testergebnissen und der Anordnung von Quarantänen durch Gesundheitsämter. Auch hier wirken Faxgeräte als Bremsen. Zudem wurden Daten und Adressen aus handschriftlich ausgefüllten Papieren fehlerhaft und langsam erfasst. Die Chancen der Digitalisierung wurden nicht rechtzeitig und systematisch genug genutzt.

In Bayern beispielsweise war immerhin im vergangenen Herbst an den Gesundheitsämtern in manchen Landkreisen eine vielseitige Software für die Kontaktnachverfolgung und die Unterbrechung von Infektionsketten eingeführt worden. Diese eigentlich funktionierende Digitalisierungstechnik soll nun mitten im aufreibenden Tagesgeschäft durch die Software „Sormas“ (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) ersetzt werden, damit sich angrenzende Bundesländer digital miteinander verständigen können.

In allen bayerischen Landkreisen und kreisfreien Städten, im gesamten Bundesgebiet soll Sormas spätestens zum Stichtag 28. Februar übernehmen, damit wichtige Daten zur Corona-Bekämpfung schneller übermittelt werden. Eigentlich sollte Sormas bereits zum 1. Januar bundesweit in allen deutschen Ämtern installiert sein. Bislang fehlen aber notwendige Schnittstellen. Denn selbst wenn die Software irgendwann in allen Gesundheitsämtern ist: Auch die Kommunikation mit den Laboren und anderen Behörden muss darüber klappen. Das ist nicht selbstverständlich. Die Wirtschaftswoche erfuhr in einer Anfrage beim Bundesgesundheitsministerium, dass unter anderen das Saarland bisher noch in keinem Gesundheitsamt Sormas nutze. Schnittstellenprobleme sollen auch hier der Hemmschuh sei.

Digitalisierungs-Start-ups zum Bleiben motivieren

Unübersehbar bleibt: Digitalisierung im Gesundheitswesen muss auch in Deutschland schneller gehen. Eine alternative Software würde für die aktuelle Situation und die große, föderal vielfältige Bundesrepublik vielleicht besser taugen als Sormas. Auch wenn die derzeit favorisierte Software, die seit 2014 als Open-Source-Tool unter Mitwirkung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung – ursprünglich wegen Ebola – entwickelt wurde, bei der Epidemie-Bekämpfung in Afrika sehr geholfen hat, als es um Ausbruchsmanagement und digitalisierte Krankheitsüberwachung ging.

Doch Start-ups, die oft sehr pragmatische Lösungen entwickeln, haben es angesichts aller regulatorischen Vorgaben und der gesetzlichen Krankenkassen, in denen 90 Prozent der Versicherten Mitglieder sind, hierzulande nicht leicht, Innovationen voranzubringen und ihre Investoren lang genug bei der Stange zu halten. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte im Herbst 2020 bei der „Digital Health Conference“ der „Transformation Week“, bei der etwa 4.500 Teilnehmer über Künstliche Intelligenz und Digitalisierung in der Medizin diskutierten: „Wir müssen als Deutschland und Europa weniger abhängig von China sein. Das gilt ein Stück weit auch für die USA. Das ist eine andere Vorstellung von Datenschutz und auch von Algorithmen.“

Deutschland muss Gas geben: Die Abwanderung beziehungsweise der Ausverkauf von Unternehmen der Künstlichen Intelligenz und der Robotik hat schon begonnen. Im Health-Management geht es um Menschenleben und darum, dass Deutschland als Innovationsstandort nicht abgehängt wird.

Spahn im November über Firmen des digitalen Gesundheitswesens: „Wir müssen uns nicht verstecken. Wir haben tolle Unternehmen. Ich möchte, dass sie hierbleiben.“

Wenn das klappen soll, muss der Gesundheitsminister aufs Tempo drücken. Und die Bundesregierung darf nicht an der falschen Stelle sparen.

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Digitales Impfmanagement muss schnell, zentral und einheitlich eingeführt werden: Föderativer Wirrwarr

Von Annegret Handel-Kempf

Im Land der Dichter und Denkerinnen, der Ingenieure, der Fortschritts- und Hightech-Pionierinnen wird zu kurz gedacht und zu unsystematisch vorgegangen. Und das ausgerechnet in einer Pandemie, in der Krisenmanagement in alle Richtungen erforderlich ist. Auch nach vorne gewandt. Derzeit sieht es eher so aus, dass im Sinne der föderalen Aufgabenteilung die Massenimpfung nicht zentral zusammengeführt und somit zum Chaos-Event wird.

Die positive Nachricht: Impfbereitschaft ist mit rund 72 Prozent (Stand: Anfang Februar) bei genügend Menschen da, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das geht aus zwei aktuellen Umfragen
des Digitalverbands Bitkom zur Corona-Warn-App und zur Corona-Impfung, unter jeweils mehr als 1000 Menschen in Deutschland ab 16 Jahren, hervor. Beachtliche 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, wir bräuchten mehr Tempo bei der Impfung. Bemerkenswerterweise sagen auch zwei Drittel derer, die sich nicht impfen lassen wollen, die anderen sollten sich schneller impfen lassen.

Beklagenswert ist, dass 37 Prozent angeben, bei 50 Versuchen ihre Impftermin-Organisation aufgegeben zu haben. Fast ein Drittel der Impfwilligen brauchte mehr als 50 Ansätze, um einen Impftermin zu bekommen. Mit Abbrüchen und Warteschleifen ist Tempo schlecht zu bewerkstelligen, um die drastischen Auswirkungen der Corona-Pandemie endlich zu beenden. Professionalisiert wird die Buchung mancherorts jetzt mithilfe eines Konzertveranstalters und eines Arzttermin-Portals. Einheitlichkeit ist nicht in Sicht.

Problematisch wird es beim weitergehenden Impfmanagement. Wer geimpft worden ist, sollte dies verlustfrei dokumentieren. Dabei geht es nicht in erster Linie um eventuelle Zugangserleichterungen zu Kultur, Sport oder Reisen. Sondern es geht vor allem um die lebenswichtige Frage, ob eine Impfung irgendwann erneuert oder nachgebessert werden muss. Auch damit sich keiner zu Unrecht vor Mutationen geschützt fühlt.

Eine Push-Mitteilung: „Lassen Sie sich neu impfen“ oder „Sie sind weiter geschützt“ wäre hilfreich. Doch dazu muss Impfen digital erfasst werden und beim Geimpften digital verfügbar sein. Etwa in einer App auf dem Smartphone, denkbar auch als Ergänzung zur Corona-Warn-App. Oder in einem anderen digitalen Zertifikat, das später in einen digitalen Impfausweis übernommen werden könnte. Sobald dieser technisch umgesetzt ist und beispielsweise auch beobachtete Nebenwirkungen einer Impfung erfassen könnte. Zwei Drittel der Befragten wollen auf den digitalen Impfpass umsteigen.

Unter den befragten Über-Sechzehnjährigen votieren 61 Prozent für ein vollständiges digitales Impfregister, das alle Geimpften und Impfwilligen umfasst. Bitkom-Präsident Achim Berg berichtete, dass der Verband in allen Bundesländern bei den Kassenärztlichen Vereinigungen nachgefragt habe. Unterm Strich ergab sich für die Bitkom dabei ein Bild von „Wirrwarr“. Berg betonte bei der Vorstellung der Studien daher zu Recht: „Die Ausbreitung des Corona-Virus‘ können wir nicht mit Fax, Bleistift und überlasteten Telefonhotlines verhindern, sondern mit Datenplattformen, einer bundesweit einheitlichen, digitalen Organisation von Impfterminen und einer Corona-Warn-App, deren Potentiale besser ausgeschöpft werden.“

Vorerst wird der Wirrwarr wohl weitergehen: Von Landkreis zu Landkreis, zwischen Bundesländern, auf europäischer Ebene und weltweit. Vor allem amerikanische Unternehmen seien der Bitkom zufolge dabei, schnell einführbare Pässe zu entwickeln, über die der Corona-Impfstatus eines Menschen jederzeit digital abrufbar und mitführbar wäre. „Interoperabel“, also auch auf Reisen in andere Gesundheitssysteme, müssten solche Zertifikate perspektivisch nachvollziehbar sein.

Im Vergleich zur Weltgesundheitsorganisation WHO, die bei ihren Bemühungen um ein digitales Impfzertifikat und digitalen Impfausweis sehr viele Interessen unter einen Hut bringen muss, geht es in Deutschland dem Vernehmen nach sogar recht zügig zur Sache. In drei Wochen ließe sich ein digitales Impfzertifikat etwa als Smartphone-App programmieren. Dennoch gibt es solche Ansätze nur in einzelnen Impfzentren. – Aber wir haben ja erst ein Jahr Pandemie. Da muss man über zentrale Fragen der Digitalisierung und Daten-Verdichtung wohl in Deutschland noch länger nachdenken.

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Präsenzunterricht ist nur zu verantworten, wenn die Luft rein ist: Spart nicht an den Schülern – Schafft endlich Luftreiniger an!

Kaum eine Lockerung des Lockdowns wird so vehement gefordert, wie die Rückkehr von Schüler*innen an die Schulen. Doch solange Lehrer*innen, Kinder und Jugendliche nicht umfassend geschützt werden, ist das schwierig. Wechselunterricht kann nur dann ein Anfang sein, wenn möglichst viel für die Ansteckungsprävention getan wird. Die Sachaufwandsträger müssen endlich die Fördertöpfe nutzen und mobile Luftreiniger mit hoher Filterwirkung in den Klassenräumen aufstellen, bevor weitere Schüler*innen in die Schulen zurückkehren.

Von Annegret Handel-Kempf

Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Geld muss auch für die Gesundheit von Schüler*innen locker gemacht werden.

Große, mobile Raumluftreiniger können hocheffizient wirken. Als Standgeräte, teils sogar auf Rollen, lassen sie sich einfach anschaffen und aufstellen. Eine integrierte, thermische Reinigung ihrer Filter erhöht die Hygiene, reduziert den Wartungsaufwand und die Funktionskosten.

Sachaufwandsträger, in der Regel sind das die Kommunen, nutzen als Ausrede gerne bereits vorhandene, festverbaute, raumlufttechnische Anlagen (RLTAs). Doch deren Umrüstung wäre teuer und zeitaufwendig und für die jetzt geforderten Schulöffnungen zu spät abgeschlossen. Denn die Aufwertung von stationären Lüftungsanlagen im Bestand zu vireneffektiven Raumluftreinigern braucht zu viel Zeit für Genehmigungsverfahren und reichlich Geld für den nicht unkomplizierten Umbau.

Manch moderne, stationäre RLTA tauscht die Luft stündlich komplett aus. Das klingt gut, reicht aber nicht. Die Viren bleiben als Last im Raum, wenn die Luftwechselrate nicht deutlich erhöht wird.

Fest verbaute RLT-Anlagen könnten gegebenenfalls auch im Winter bei Frost effizient arbeiten, sofern sie für einen Umluftbetrieb mit hochklassigen Filtern ausrüstbar sind. Hier besteht aber die Gefahr, dass virenhaltige Aerosole wieder dem Raum zugeführt werden. Davor warnt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihrem Dokument „Infektionsschutzgerechtes Lüften – Hinweise und Maßnahmen in Zeiten der SARS-CoV-2-Epidemie“. Deshalb sollten „geeignete Methoden zur Luftbehandlung mittels Abscheidung oder Inaktivierung von Viren“ angewandt werden.

Die Behörde nennt als geeignetes Filtersystem HEPA-Filter nach DIN 1822-1. Zusätzlich sei der Volumenluftstrom anzupassen, damit nicht ein Überdruck den Luftwechsel senkt und Undichtigkeiten in den Lüftungsleitungen begünstigt.

Klingt kompliziert. Einfacher sind mobile Luftreiniger, die ein Jahr nach Beginn der Pandemie schon längst in jedem Klassenzimmer und anderem Unterrichtsraum stehen könnten. Doch Eltern, Virologen und Schulen rennen bei den Sachaufwandsträgern gegen Wände. Ausgerechnet hier schlägt in Pandemie-Zeiten der Sparfuchs durch.

Worauf es ankommt: Wenn nicht genügend frische Luft über Fenster hereinkommt, muss die Technik helfen. Sagt auch das Umweltbundesamt (UBA). Denn fünf- bis siebenmal pro Stunde sollte die Luft in Innenräumen komplett gegen frische Außenluft ausgetauscht bzw. wirksam gereinigt werden. Das heißt, ein Luftreinigungsgerät muss zur Corona-Prävention innerhalb von 60 Minuten etwa das sechsfache Luftvolumen des Raumes filtern. Und zwar (in der zweiten oder dritten Filterstufe) mit einem HEPA-Filter (hochabscheidender Schwebstofffilter, High Efficiency Particulate Air Filter) der Klassen H13 besser noch H14, der nach der DIN-Norm EN 1822-1 geprüft ist. „Nur diese Filter scheiden auch wirklich 99,995 Prozent der Aerosolpartikel ab, die diese Viren tragen“, betonen Professor Christian Kähler und seine Mitautoren in ihrer August-Studie zur Frage: „Können mobile Raumluftreiniger eine indirekte SARS-CoV-2 Infektionsgefahr durch Aerosole wirksam reduzieren?“. Kähler forscht am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg.

Solange nicht Fachfirmen wirksame, mobile Luftreiniger aufstellen, besteht die Gefahr, dass in den Schulen vorhandene Sekundärluftgeräte als Ersatz genutzt werden. Das darf nicht geschehen. Denn beispielsweise Ventilatoren oder Heizluftgebläse könnten „Tröpfchen oder Aerosole mit Viren unter Umständen auf andere Personen lenken und so das Infektionsrisiko steigern“, lautet eine Warnung der Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin-Behörde BAuA vor Virenumtriebigkeit durch raumluftdurchmischende Technik ohne Reinigungswirkung.

Je länger keine verlässlichen Geräte angeschafft werden, desto größer wird die Gefahr, dass improvisiert und gebastelt wird, um Viren zu vertreiben: Die Weltgesundheitsbehörde WHO, das Umweltbundesamt (UBA) und diverse andere Institutionen raten, im Umfeld von Menschen auf Raumluftreiniger zu verzichten, die (ergänzend) mit ultravioletter Strahlung, elektrostatischer Wirkungsweise, Ozon, Plasma und Ionisierung wirken. Sie könnten reizen oder die Gesundheit gefährden. Hände weg, das gilt auch bei ungeprüfter und unerprobter Billigware aus zweifelhafter Quelle und mit niedrigen Standards. Aktivkohle-Filter, in Durchsatzgeräten häufig gegen Gase und Gerüche eingesetzt, haben allein keine Wirkung auf Viren.

Derzeit werden sehr viel mehr CO2-Messgeräte als mobile Luftreiniger in Schulen aufgestellt. In Bayern beispielsweise verteilt eine Staatssekretärin des Kultusministeriums großzügige Mengen der sensorischen Belastungsmesser, aber nur wenige Luftreiniger.

Immerhin könnten Kohlendioxid-Messgeräte feststellen, ob wirklich Luft ausgetauscht wird. Sie dürften jedoch nicht als Indikator für die Virenlast im Raum missverstanden werden. Dies rechneten Kähler und Kollegen Ende September in einer weiteren Studie mit dem Titel: „Schulunterricht während der SARS-CoV-2 Pandemie ‒ Welches Konzept ist sicher, realisierbar und ökologisch vertretbar?“ anhand mathematischer Modelle vor. Das Problem der Kohlendioxid-Messer: Anzahl und Aktivität der Menschen im Raum berücksichtigen die CO2-Ampeln den Forschern zufolge nicht und sie zählen keine Viren.

Fenster-Aufreißen reicht nicht. Und CO2-Messer wiegen uns in falscher Sicherheit. Lüften vor Unterrichtsbeginn treibt vorübergehend sogar die Aerosol-Konzentration hoch, während der CO2-Wert sinkt. Das stellte ein Team um Joachim Curtius von der Arbeitsgruppe Experimentelle Atmosphärenforschung an der Goethe-Universität Frankfurt fest, als es in einer Schule mobile Luftreiniger mit einem HEPA-Filter ausprobierte und seine Ergebnisse in einem Preprint veröffentlichte.

Fazit – Endlich shoppen gehen und mobile Hochleistungs-Luftreiniger kaufen: Investitionen in mobile Luftreiniger werden teilweise vom Staat gefördert. In Bayern in einer zweiten Antragsrunde noch bis Ende März, mit bis zu 50 Prozent bzw. einem Förderhöchstbetrag von 1.750 Euro pro Raum.

Mehrere solcher Geräte wurden in Deutschland neu entwickelt und von Wissenschaftlern intensiv getestet. Als Referenz-Produkt für seine Studien verwandte das Institut für Strömungstechnik und Aerodynamik der Bundeswehr-Uni München solche Hochleistungs-Luftreiniger. Die mobilen Geräte wurden mit besonders hoher Filtervolumenleistung speziell für mittlere und große Räume wie Schulklassen, Büros oder Gastronomieräume konstruiert und getestet. Die Viren im Filter sollen durch die Erhitzung zerstört und der Entstehung von Bakterien, Biofilmen und Pilzen ohne gesundheitsschädliche chemische Zusatzstoffe oder UV-C-Strahlung entgegengewirkt werden.

Krankheiten, die durch Keime, Bakterien und Viren hervorgerufen werden, inklusive Corona und Influenza, sollen mit mobilen Luftreinigern vermieden, die Pollen- und Staubbelastung gesenkt und das Wohlbefinden von Allergikern und Asthmatikern gesteigert werden. Lernen würde so leichter und angenehmer.

Das heißt, mobile Luftreiniger könnten auch nach der Corona-Pandemie dazu beitragen, dass Kinder entspannter im Klassenzimmer sitzen und weniger Krankheiten aus der Schule mit heimbringen. Das sollte uns die Anschaffung wert sein. Und gegenwärtig ist Präsenzunterricht sowieso nur dann zu verantworten, wenn die Luft so rein ist, wie es technische Maßnahmen hergeben.

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Digitalisierung und Künstliche Intelligenz: Die smarte Therapie für Patientendaten und Pandemien

Von Annegret Handel-Kempf

Datenauswertungen müssen mehr Tempo bekommen. Zulässige Datenanalysen, besonders Anwendungen mit Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) und ihrer Schwesterdisziplinen, können die Versorgung verbessern und Heilungschancen erhöhen. Chancen bieten neue analytische Möglichkeiten in der Forschung. Maschinelles Lernen wertet beispielsweise natürliche Sprache aus und erkennt Muster. So können die künstliche zusammen mit der menschlichen Intelligenz epidemiologische Rückschlüsse zur Ausbreitung von Krankheiten ziehen oder Alzheimer-Leiden frühzeitig erkennen.

Künstliche Intelligenz warnt vor Corona

Fast schon legendär ist, dass ein Algorithmus der kanadischen Firma BlueDot bereits eine Woche früher als die US Centers for Disease Control and Prevention vor dem Ausbruch einer neuen Krankheit im chinesischen Wuhan warnte. Zudem habe die Künstliche Intelligenz (KI) den weiteren Verbreitungsweg voraussagen können. Das berichtete das Deutsche Ärzteblatt schon am 31. Januar 2020.

Ende November vergangenen Jahres sagte Gesundheitsminister Jens Spahn bei der „Digital Health Conference“ der „Transformation Week“, bei der etwa 4.500 Teilnehmer über KI und Digitalisierung in der Medizin diskutierten:

„Corona ist ein Chamäleon. Die künstliche Intelligenz hilft, das alles zu verstehen.“ Und er stellte zu den ersten Monaten der Pandemie fest: „Wenn wir schon die elektronische Patientenakte gehabt hätten, was hätten wir für einen Unterschied gehabt.“

Patienten-Schutz und Regelwerke

Seit dem 1. Januar 2021 ist in Deutschland die elektronische Patientenakte (ePa) am Start. Die Patienten haben ein Recht darauf, dass der Arzt sie befüllt. Das „Patientendaten-Schutz-Gesetz“ sieht auch vor, dass sensible Gesundheitsdaten möglichst gut geschützt werden und die Patienten selbst Hüterinnen und Entscheider darüber sind, was eingestellt wird und auf welche Teile wer zugreifen darf. Elektronische Rezepte und digitale Facharzt-Überweisungen sind mit der neuen Telematikinfrastruktur ebenfalls möglich.
Ab 2022 sollen auch der Impfausweis, der Mutterpass, das gelbe U-Heft für Kinder und das Zahn-Bonusheft in der elektronischen Patientenakte als digitale Daten aufzuheben sein.

Kein Arzt muss IT-Experte sein, um die ePa zu verwenden. Er sollte aber befähigt werden, die Möglichkeiten der Digitalisierung einzusetzen. Befunde, Diagnosen, Behandlungsberichte, das komplette Patientenleben eines Menschen lassen sich in diesem Herzstück der Digitalisierung des Gesundheitswesens vereinen. Ärzte bekommen schnell wesentliche Informationen über ihre Patienten, sofern diese ihm den Einblick in einzelne Unterlagen gewähren. Kranke können in ihren eigenen Befunden nachlesen und müssen sich nicht durch Symptom-Diagnosen via Internet-Suchmaschinen verunsichern lassen.

Wenn Ärzte mit 75 Jahren immer noch keinen Nachfolger gefunden haben und ihre Praxis aufgeben, gehen bislang mit ihnen die Patientenakten in den Ruhestand und sie oder ihre Erben sind für bis zu zehn Jahre für deren Aufbewahrung zuständig. Ebenso für Auskünfte an die Patienten und Versicherungen. Mit der Digitalisierung wird diese Aufbewahrung einfacher, ebenso die Übergabe eines „virtuellen“ Aktenschrankes, wenn sich doch ein Nachfolger findet. Der darf den Aktenschrank aber nur „aufsperren“, wenn die Patienten jeweils zustimmen, dass er ihre alten Unterlagen mit heranzieht.

Gesundheitsdaten dürfen nie leichtfertig weitergegeben werden. Regulatorik ist wichtig, damit der Arzt sicher sein kann, was er rechtlich darf. Und damit kein Unbefugter seine Finger in persönliche Lebensläufe bekommt und möglicherweise sogar Schicksale – persönlicher und beruflicher Art – negativ beeinflusst.

An Regulatorik wird es in Deutschland kaum mangeln, denn das Bestreben, bei der Vernetzung rechtliche Sicherheit zu haben, Datenschutz und Datensicherheit im Umgang mit den Patient*innen zu gewährleisten, ist hierzulande ähnlich hoch angesiedelt wie Regulatorik im Finanzwesen.

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Elektromobilität und Brennstoffzellenantrieb – Matlok und Eckardt geben Gas mit Gleichspannungswandlern aus Erlangen: „Schlüsselkompetenz für alle elektronischen Fahrzeuge“

MÜNCHEN/ERLANGEN (AHK) Alle reden über Brennstoffzellen: Sind damit ausgestattete Fahrzeuge zukunftsträchtiger als E-Autos, deren Energie aus großen Akkus und Ladesäulen stammt?

Das Eine tun und das Andere nicht lassen, dachten sich zwei Forscher vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie IISB in Erlangen: Dr. Bernd Eckardt und Dr. Stefan Matlok wandten dafür hartnäckige Ingenieurskunst gegen die herrschende Lehrmeinung auf.

So gelangten Eckard und Matlok ans Ziel ihrer Forschung: Sie halbierten Leistungsverluste in Form von Wärme und steigerten so die Reichweite der Fahrzeuge. Für energiehungrige Nutzfahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe bringt ein Brennstoffzellenantrieb theoretisch die notwendige Power. Dabei wandelt eine Brennstoffzelle Wasserstoff in Strom um. Allerdings müssten die vielen Komponenten eines solchen Antriebs alle kleiner und leichter werden, damit das Fahrzeug möglichst energieeffizient unterwegs ist. Zu ihnen gehört der Gleichspannungswandler, der elementar wichtig ist. Denn er passt die Spannung der Brennstoffzelle an den Antrieb an und steuert den Energiefluss. Am 9. Oktober wurden die beiden Forscher bei der Jahrestagung  von Fraunhofer mit dem Joseph-von-Fraunhofer-Preis für ihre Entwicklung eines geeigneten Gleichspannungswandlers ausgezeichnet.

Auf den Wirkungsgrad kommt es an

Die elektrischen Wandler für die Brennstoffzellen beanspruchen derzeit etwa zehn Liter Bauraum. Der Wandler aus dem Fraunhofer IISB soll sich mit der Hälfte begnügen und mit einem sehr hohen Wirkungsgrad punkten. „Während herkömmliche Gleichspannungswandler einen Wirkungsgrad von etwa 97 bis 98 Prozent haben, erreicht unserer bis zu 99 Prozent“, so Eckardt, der Pandemie bedingt nicht bei der Preisübergabe vor Ort war. „Das mag erst einmal nicht sonderlich viel klingen, doch damit sind die Verluste mehr als halbiert und es kommt auf jedes Zehntel Prozent an.“ Durch den Wandler soll eine Leistung von 200 000 Watt fließen. Bei einem Verlust von einem Prozent bedeutet das: Es geht eine Leistung von zwei Kilowatt in Form von Wärme verloren. Die sparen die Forscher zugunsten einer nachhaltigen Mobilität jetzt ein.

Im Gegensatz zu kleinen PKWs haben große Fahrzeuge ein sehr großes Reichweitenproblem, wenn sie bei der Elektromobilität nur auf nachladbare Batterietechnologie setzen. Sie müssten die Ladesäule quasi im Gepäck haben. Als „Schlüsselkompetenz für alle elektronischen Fahrzeuge“ bezeichnete Matlok daher die neue Generation der Gleichspannungswandler für den Brennstoffzellenantrieb live bei der Preisübergabe, die für Gäste, Forscher und Presse über Internet-Streams und Microsoft Teams übertragen wurde.

Virtuell „vor Ort“ und Textredaktion: Annegret Handel-Kempf / Redaktionsbüro Smarte Zeitung

Neue Arbeitsplätze durch Neue Energien: 100.000 Fachkräfte für Wärmewende gesucht – „Schaffen“ für ein gutes Klima

ifeu-Geschäftsfüher Pehnt: „Erste zaghafte Pflänzchen“ beim Ausbau der Erneuerbaren Energien zu erkennen

MÜNCHEN/BERLIN (AHK) „Die Absenkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau wäre ein wichtiger Anstoß für die Verbraucher“, sagte BEE-Präsidentin Dr. Simone Peter gegenüber Journalisten zur Relevanz der Wärmewende.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) hat am 5. Oktober 2020 mit seinem Positionspapier „Krisen überwinden, Wachstum stärken, Wohlstand sichern“ seine Kernforderungen für die Bundestagswahl 2021 zum Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor auf einer Pressekonferenz vorgestellt.

„Die große Chance der Wärmewende besteht darin, dass eine wirtschaftliche Belebung auf verschiedenen Wertschöpfungsstufen mit Klimaschutzzielen und Kosteneinsparung in Verbindung gebracht wird“, so Peter. Immer noch würden annährend 85 Prozent der Wärme und Kälte mit fossilen Energien erzeugt. Vor allem im Gebäudebestand seien Effizienzmaßnahmen und die Umstellung auf saubere Energien erforderlich. „Insbesondere in gesamtwirtschaftlich unsicheren Zeiten aufgrund der Corona-Pandemie kann der Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor einen wichtigen Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen und regionaler Wertschöpfung leisten“, betonte die BEE-Präsidentin.

Unterstützt wird diese Einschätzung von Dr. Martin Pehnt, Wissenschaftlicher Geschäftführer und Vorstand des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu): „Der Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmemarkt stagniert seit Jahren!“ Das sei dringend zu ändern, damit der Wärmesektor seinen Beitrag zu Klimaschutz und Unabhängigkeit von Importen leisten könne. „Hier müssen wir nun mit ganz konkreten Maßnahmen umso dynamischer aufholen“, fordert Pehnt. Bis 2050 blieben nicht einmal 30 Jahre – dies sei ein sehr kurzer Zeitraum für den Wärmesektor, der durch langfristige Investitionszyklen geprägt ist.

„Erste zaghafte Pflänzchen“ seien im ersten Quartal 2020 mit einer Verdoppelung der Biomasse und einem Anstieg um 24 Prozent bei den Wärmepumpen im Bereich der Erneuerbaren Wärme zu erkennen. Immer noch würden jedoch viermal mehr fossile Kessel verkauft. Im Heizungsbau sollte es nach Pehnts Ansicht möglich werden, schnell auf geförderte Erneuerbare Wärme umzusteigen, wenn eine Heizung kaputt gehe.

Pehnt sprach bei der Präsentation konkret von 100.00 Fachkräften, die für einen Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor bemötigt würden.  „Für Menschen, die nach der Corona-Krise aus der Kurzarbeit kommen, bedeuten diese Arbeitsplätze eine große Chance“. Auch Ingenieure würden beispielsweise für den Fernwärmebereich gebraucht.

Text: Annegret Handel-Kempf / Redaktionsbüro Smarte Zeitung

Abschlussbericht der Enquetekommission zur KI – Studie: Künstliche Intelligenz wird Begleiter im Alltag

BERLIN/MÜNCHEN (AHK) „Die gute Nachricht: Mehr Menschen beschäftigen sich mit Künstlicher Intelligenz, nur noch fünf Prozent sagen, dass sie noch nie etwas davon gehört hätten“, so der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Achim Berg, am 28. September 2020, wenige Stunden, bevor die Enquetekommission „Künstliche Intelligenz“ ihren Abschlussbericht vorlegte. 

Dass fast 70 Prozent der Befragten KI nicht mehr als Gefahr sähen – 2017 waren es erst 47 Prozent – sieht der Verbandschef als „großen Erfolg der Kommunikation des Themas in den letzten Jahren“.
Der Digitalverband nahm die Öffentliche Aussprache zum Anlass, die Menschen in einer repräsentativen Umfrage mit 1004 Bundesbürgern zu befragen, wie weit KI in ihrem Alltag angekommen sei.

Das zunehmende Wissen über KI dürfte – Berg zufolge – auch damit zusammenhängen, dass bereits heute eine große Mehrheit im Alltag KI-Anwendungen nutze. An der Spitze stünden dabei Textvorschläge beim Nachrichtenschreiben (68 Prozent), Routenvorschläge bei der Navigation (62 Prozent) und Sprachassistenten auf dem Smartphone (60 Prozent). Aber auch Titelempfehlungen beim Streaming (44 Prozent), automatische Übersetzungen (42 Prozent), Fahrassistenzsysteme im Auto (39 Prozent) oder Kaufempfehlungen in Online-Shops (34 Prozent) würden bereits häufig bewusst eingesetzt. Jeder Fünfte (20 Prozent) verwende die Gesichtserkennung zur Entsperrung des Smartphones, jeder Achte (12 Prozent) die Gesichtserkennung für Fotos, um Personen leichter zu finden.

Die Bürger sähen eine herausragende Bedeutung von KI für Wirtschaft und Wohlstand. So gingen zwei Drittel (66 Prozent) davon aus, dass KI die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft stärken werde. Und drei Viertel (75 Prozent) forderten, dass Deutschland bei der Entwicklung und der Vermarktung von KI-Anwendungen eine weltweite Führungsrolle einnehmen solle.

Zugleich wünsche sich eine große Mehrheit (85 Prozent) eine sichere KI und verlange, dass KI-Systeme in Deutschland besonders gründlich geprüft und erst nach Zulassung in Geräten genutzt werden könnten. Nur eine Minderheit von 44 Prozent wolle in Deutschland bestimmte KI-Anwendungen verbieten.

Der Bitkom-Präsident: „Wir brauchen auf jeden Fall  keine neuen Gesetze für KI“.  Stattdessen plädiert er vehement für eine Weiterwentwicklung: „Vorhandene Regelungen reichen“. Erforderlich seien jetzt zudem Datenverfügbarkeit und Datensouveränität statt Datensparsamkeit. Bei KI-Forschung und KI-Förderung solle die Anwendung in den Branchen in den Fokus rücken. Notwendig sei aus BITKOM-Verbandssicht eine KI-Bildungsoffensive für eine breite Debatte zu Chancen und Herausforderungen. Im Europäischen Datenprojekt GAIA-X müssten – Berg zufolge – Cloud, Datenökonomie und Künstliche Intelligenz zusammen gedacht werden.

Text: Annegret Handel-Kempf / RB SMARTE ZEITUNG

Hinweis: Die Digitale Veranstaltung aus dem Deutschen Bundestag: „Mit Künstlicher Intelligenz jetzt Zukunft gemeinsam gestalten!“ wurde am 18. September 2020 ab 13 Uhr live auf www.bundestag.de gestreamt.