Die Linguistik der bayerischen Windkraft und des norddeutschen Politikstils aus Berlin

Analyse/Meinung:

„1 Windkraft von Robert“ mit der Ruhe stiftenden Rhetorik?

Beim Besuch des Superministers aus Berlin in Bayern verzichtet Habeck auf „hoheitlichen“ Habitus und hört genau hin

Robert Habeck hat eine spezielle Art zu reden. Der 52-jährige Philosoph, Germanist und Philologe liebt lange, komplizierte Satzkonstruktionen. Er wählt Begriffe, die von einfacher Sprache weit entfernt sind. Überraschend kommt der grüne Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister mit der großen Machtspanne immer wieder sehr konkret zur Sache. Ungeachtet dessen, dass der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder mit einem hurtig verschnaufenden: „der Minister“, Habecks Machtweite qua Amt und Sprachkompetenz mit einem sprachtaktischen Kürzel zu verengen sucht.

An diesem kalten, leicht verschneiten Januartag in München sagt der Gast aus Berlin etwa: „Der Windkraftausbau ist in Bayern völlig zum Erliegen gekommen.“ Später dann, bei derselben Pressekonferenz zum Besuch des Regierungsvertreters, scheint er sich sogar in kindgerechter Sprache ermutigend auf die Seite der mit einer 10H-Abschaffung hadernden Bayerischen Staatsregierung zu schlagen: „Wenn die Ausbauzahlen wieder deutlich an Fahrt gewinnen, kommt das nächste Bundesland: „Guck doch mal, was die Bayern machen“… Dann kommt das hoffentlich voran.“

Es ist erstaunlich: Habeck malt ein Schlaraffenland in die Köpfe seiner Zuhörer, wie schön und vorbildlich es sein könnte, wenn Ausnahmeregelungen, die Söder anstelle einer Abschaffung von 10H anbietet, tatsächlich greifen sollten. Mehr noch: Er streichelt das Ego von Menschen, ob Gewählte oder Wähler, im südlichen Freistaat. Der Klimaschutzminister zeigt sich bewusst fürsorglich und dankbar, eingedenk der Tatsache, dass kein bayerischer Minister mit eigenem Ministerium derzeit in der Bundesregierung vertreten ist.

Habeck, der listig-pragmatisierende Philosoph stellt Bayern als Vorzeigeschüler vor eine Handvoll anderer vermeintlich lernunwilliger Bundesländer, die mit dem dringend notwendigen Ausbau der Windkraft nicht recht vorankommen. Die zu wenig Energie aus den Regungen der Lüfte nutzen, obwohl sie keine Abstandsregelungen haben, bei denen die Höhe der Windräder und die Entfernung zur nächstgelegenen Siedlung korrelieren.

Damit kommt der Schleswig-Holsteiner, der das politische Tagesgeschäft beim Ausbau der Umweltfreundlichkeit aus seiner Zeit als Landesminister beherrscht, dem machtbewussten, Bayerischen Ministerpräsidenten auf der Diskussionsebene entgegen. Anstelle „hoheitlich“ 10H auf Bundesebene einzukassieren. „Finde ich sehr gut, dass Sie auf Dialog und nicht allein auf Hoheitliches setzen“, sagt der CSU-Politiker zum hochrangigen Bundesminister, der auf bevormundende Töne komplett verzichtet, wie sie seiner Grünen-Partei teils vorgeworfen werden. Mit Habeck habe er ein „konstruktives Gespräch geführt, sachkundig“. Söder begründet die gelungene Annäherung zu den Abstandsregelungen zwischen Bayern und Bund, über das Gespräch statt über das Gesetz, mit dem Argumentationseinstieg: „Wenn man die intellektuelle Bereitwilligkeit hat, sachkundig zu diskutieren…“.

Die Frage nach dem Beschreiten von Pfaden

Das Ziel ist der Weg im Prozedere des politischen Taktierers aus dem Überlegungskosmos, der sich auf die Überlebensmöglichkeit der Welt und mit ihr der Wirtschaft gründet. Habecks unverhohlene Motivation, vorerst nicht auf eine Abschaffung von 10H zu beharren, leitet sich möglicherweise aus dem von ihm favorisierten, pragmatischen Idealismus her: „Wir werden uns an verschiedenen Stellen immer gegenseitig brauchen. Wenn es aber gelingt, dass die gesellschaftliche Bereitschaft zu einer positiven Dynamik führt, sind wir auf dem richtigen Pfad.“

Aus Habeck sprechen zugleich vorsichtige Skepsis und motivierende Zuversicht: „Markus Söder sagt, dass 10H kein Verhinderungsszenario ist. Wenn dem so ist, muss man weitersehen.“ Der Wirtschafts- und Klimaschutz-Superminister erwähnt das Stichwort „Staatsforst“, welches Söder bereits im Sommer ins Spiel gebracht hatte. Es geht dabei um Wald, der als Aufstellfläche für unbegrenzte Windräder dienen soll. „Es wird von vierstelligen Zahlen geredet“, sagt Habeck. „Wenn das so ist, ist das eine Menge. Wenn weitere Maßnahmen hinzukommen, sind wir auf einem guten Pfad.“ Nachdem den Ankündigungen Söders vom Sommer noch nichts Offensichtliches gefolgt ist, überrascht Habecks nächster Satz nicht: „Die Frage ist, wird dieser Pfad beschritten.“

Söder indes gibt sich defensiv, springt argumentativ in die psychosoziale Ebene, betont gar eine Empfindung: „10H nicht als Verhinderungs- sondern als Bürgerbegleitungsinstrumentarium“. Passend winkt der Bayerische Ministerpräsident mit Belohnungen: „Wir haben über Ausnahmen geredet, zum Beispiel Repowering.“ Eines seiner Zugeständnisse in seinem ersten Windenergie-Gespräch mit dem neuen Bundesminister besteht darin, anzukündigen, Windkraftanlagen zu erneuern, die schon vor der 10H-Regelung bestanden, also für ihre Höhe quasi zu nah an Gebäuden stehen, statt sie 10H-regelkonform und ersatzlos zu demontieren.

Dem Nordlicht Habeck kommt es nach Lage der Statements nicht auf Bevormundung, nicht auf die reine Lehre an, sondern auf den „Spirit“: Ein Stichwort, das er während eines Statements des Bayerischen Ministerpräsidenten einwirft.

Söder dazu: „Wir in Bayern haben einen anderen Spirit. Wind ist aus der Ferne wahnsinnig sympathisch, aus der Nähe ist er manchmal sehr erdrückend.“ Das Angebot des Bundes zu reden sei neu: „Ursprünglich hieß es, 10H kommt weg.“ Habeck habe angeboten, über andere Genehmigungsfragen, beispielsweise mit Blick auf den Naturschutz zu reden. „Das hat auch mit Wasserkraft zu tun. Wir alle wollen regenerative Energien und günstigen Strom aus regenerativen Energien.“

Eine Demonstrantin, die auf Habeck wartet, hält vor den Türen der Bayerischen Staatskanzlei ein Pappplakat in die Kameras: „Robert, ich will 1 Windkraft von dir.“ Bis auf weiteres bekommt sie allerdings fürderhin 10H vom Bayerischen Ministerpräsidenten.

Dabei gibt Markus Söder zu: „In der Tat beim Wind – da liegen wir auf Platz acht.“ Ein „Sprungbrett auf mehr“ bei den Erneuerbaren Energien sei „tatsächlich da“. Obwohl Bayern der Primus, der Erste, in so vielen anderen Feldern der regenerativen Energien sei.

Habeck sagt noch etwas, als er nichts mehr sagen soll. Als die Pressekonferenz für beendet erklärt wird. Er stellt etwas klar, zum Thema, dass Bayern ohne Minister im Bund nicht ausreichend Gehör finden könnte: „Schleswig-Holstein hat lange Zeit keinen Minister in der Bundesregierung gehabt. Ich möchte nicht so denken. Ich bin Bundesminister für Deutschland, nicht für ein Bundesland.“ Darum, dass die Windkraft in Bayern ausgebaut wird, kümmere er sich „aus Sorge um die nationale Versorgungssicherheit“. Der Bundeswirtschafts- und -Klimaschutzminister erwähnt Verhinderung und Unterbietungswettbewerbe, konstatiert ein weiteres Mal in schlichter Manier: „Da sind wir, im Kreislauf nach unten“.

Robert Habeck wählt als Chef des entscheidenden Zukunftsressorts der Bundesrepublik Deutschland, zum Abschluss des Anfangs seiner Verhandlungen mit Bayern, einfache Worte: „Wir brauchen die Erneuerbaren, um als Bundesrepublik zu brillieren.“

Annegret Handel-Kempf, München, 20. Januar 2022

(Copyright-Hinweis: Lesen bezahlungsfrei gestattet. Weitere Verwendung, Verwertung und Veröffentlichung des Textes bzw. einzelner Passagen, wird von der Autorin und Urheberin ggf. ausschließlich nach vorangehender Rückfrage und in der Regel gegen Honorierung erlaubt.)

Nach dem Regierungswechsel und der Kanzlerwahl – Die Ampel schaltet und waltet: Start einer Politik mit Re-Demokratisierung?

Ein klein wenig gerührt wirkt er dann doch, der neue, neunte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, als ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Ernennungsurkunde überreicht und zuvor deren Text vorliest.

„Roboterhaft“ ungerührt sei das stoisch in sich ruhende, ehemalige Hamburger Stadtoberhaupt in seinem Auftreten, lautet ein stiller Vorwurf an den einstmals partiell eruptiven Juso-Politiker. Das kann er. Aber auch verschmitzt mit den Augen zwinkern, was selbst über den Emotionen wegsperrenden Pandemie-Masken zu sehen ist.

Bei seinem „Ja-Wort“, als er die Wahl zum Bundeskanzler mit einer nicht zu knappen Mehrheit akzeptiert, bleibt Olaf Scholz sitzen. Nicht schüchtern, eher bescheiden. Aus der Mitte des Bundestags herausgewählt, dort nimmt er die Wahl an. Als einer von sehr, sehr vielen Volksvertretern, deren ausführender, erster Exekutivarbeiter er seit dem 8. Dezember 2021 ist.

Allein sitzt der mit 395 von 707 abgegebenen Stimmen gewählte Kanzler danach zunächst auf einem der 17 Regierungsstühle. Seine Minister werden erst später in Schloss Bellevue ernannt. Scholz ist dabei.

Da hat der 63-Jährige seinen Eid bereits abgelegt.  Zum Wohle des Volkes, „seinen Nutzen zu mehren, Schaden von ihm zu wenden“. Der gebürtige Niedersachse schwört den vorgeschriebenen Eid vor dem Bundestag, gemäß Artikel 56, im Angesicht der Urschrift des Grundgesetzes. Ohne Gottesbezug. Ein nüchterner Pragmatiker, der nun Verantwortung für ein sehr vielfältiges und nicht ganz einfaches Volk trägt.

Robert Habeck, Karl Lauterbach. Vor allem angehende Ampel-Minister gratulieren ein weiteres Mal herzlich. Handy-Fotos – mit und ohne Kanzler – sind an diesem Tag ausnahmsweise im Bundestag erlaubt. Die designierte Außenministerin und ehemalige Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, schüttelt jetzt kräftig die Hände mit dem neuen Regierungschef, nachdem sie den Kanzler gleich nach seiner Wahl durch die Abgeordneten umarmt hatte.

Scholz geht, unterbrochen von kleinen Gesprächen mit Manuela Schwesig, Malu Dreyer und anderen. Er geht seinen Weg aus dem Bundestag, zunächst ein weiteres Mal nach Schloss Bellevue. Diesmal zur Ernennung seiner Kabinettsmitglieder. Scholz‘ Eltern sind nch da, seine Frau. Auch Angela Merkel, nun Alt-Bundeskanzlerin, sitzt auf der Tribüne. Am Abend soll mit der konstituierenden Kabinettssitzung ein neues Kapitel in der Biographie des bisherigen Finanzministers und in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland beginnen. Die Ampel schaltet sich ein, mit kräftigem Licht auf Rot, aber auch mit viel Grün und nicht zu wenig Gelb.

Bundespräsident Steinmeier gibt dem neuen Kabinett mahnende Worte mit: „Sie tragen jetzt die Verantwortung für unser Land“, sagt Steinmeier zu den Ministerinnen und Ministern, denen er gerade die Ernennungsurkunde coronakonform zukommen ließ. „Für 82 Millionen Bürger.“ Der neuen Exekutive legt das Staatsoberhaupt den Zustand der Volksherrschaft ans Herz: „Unsere Demokratie lernt – sie kann Veränderungen. Unsere Demokratie ist stark. Das hat der gute, demokratische Übergang der vergangenen Tage gezeigt.“

Die Demokratie in Deutschland ist unter Druck. Doch die Ampel hat jetzt die Chance, an den notwendigen und attackierten Stellen auf „Go“ oder auf „Stop“ zu schalten. Die Zeit des Abwartens ist vorbei. Bei Corona und beim Impfen, beim Klima und bei der ökologischen Transformatiion von Wirtschaft und Gesellschaft. Bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, bei der Digitalisierung und beim Innovationsbedarf für eine überlebensfähige Wirtschaft, die auch die sozialen Systeme sichert.

Die Ampel-Regierung startet mit neuer Energie und voller Legitimation. Wenn sie es richtig macht, ignoriert sie den Pfeil, der für „rechts darf ohne Ampelschaltung abbiegen“ steht. Stoisch. So wie der neue Bundeskanzler Olaf Scholz wirkt.

Annegret Handel-Kempf

Schwammintelligenz in den Städten

Wie Technologien beim Umbau für die Umwelt helfen

„Nach uns die Sintflut“ ist keine gute Taktik, wenn Überflutungen, Dürren und Brände immer näher rücken. Institute, Verbände und Technologie-Entwickler wollen deshalb dazu beitragen, mithilfe von smarter Stadtplanung und Gebäudesanierung das Klima zu schützen. Hier ein Überblick.

Von Annegret Handel-Kempf

Verlässliche Projektionen, robuste Modellberechnungen und Beobachtungen aus verlässlichen Quellen, wie dem HYRAS-Datensatz des Deutschen Wetterdienstes, sind wichtig, um sich zu orientieren. Die Ausgangsfrage lautet: „Was passiert, wenn…?“ Starkregentage, Hitzetage, Windgeschwindigkeiten und Temperatur gehören zu den siebzehn Kenngrößen, an denen sich die Forschenden des Climate Service Center Germany (GERICS), einer Einrichtung des Helmholtz-Zentrums Hereon, orientieren. Sie haben nach einjähriger Datenauslese hierzu „Klimaausblicke“ für 401 Regionen und Landkreise entwickelt. Politiker, Verwaltungen und Privatleute sollen so mit klareren Aussichten, über Veränderungen in der Energieversorgung oder in der Infrastruktur entscheiden. Denn die Klimaausblicke stellen verschiedene Welten vor, die Menschen in ihrem aktuellen Handeln beeinflussen sollten: Fast ortsgenau jeweils ein Szenario mit viel Klimaschutz, ein Szenario mit mäßigem Klimaschutz und ein Szenario ohne wirksamen Klimaschutz.

Smarte Technologie hilft dabei, relativ verlässliche Prognosen zu erstellen. Für die Datenanalyseverfahren der aktuellen Berichte wurde im GERICS eine Auswerte-Software namens CLIMDEX neu entwickelt. Die Ergebnisse sind fein akzentuiert und deutlich: Wenn weiter so viele Emissionen ausgestoßen werden, wäre beispielsweise in den Gebirgsregionen der Alpen oder des Schwarzwalds besonders starke Erwärmung zu erwarten. „Es gibt nach unseren Untersuchungen nicht einen einzigen Landkreis, bei dem alles beim Alten bliebe, falls sich die Emissionen weiterhin auf gleichem Level bewegen oder sogar noch steigen würden. Die Frage ist: Was können wir durch wirksamen Klimaschutz vermeiden, und auf welche Veränderungen müssen wir uns auf alle Fälle vorbereiten?“, sagt Autorin Diana Rechid.

Verwaltungen, Politik, Unternehmen oder Eigenheimplaner finden auf einer Landkarte die sie betreffende Region, und können so mit einem Klick einen individuellen Klimaausblick herunterladen (https://www.gerics.de/products_and_publications/fact_sheets/landkreise/index.php.de).

Saugstarke Städte

Was ist zu tun? Sogenannte „Sponge Cities“, die Versiegelungen der Böden und somit Niederschlagsstauungen entgegenwirken, gehören zu Maßnahmen, die Stadtplaner und Bewohner beeinflussen können. Ebenso vertikale Gärten an den Häuserfassaden, die CO2 aufnehmen und kühlen, Recycling- und Biobaumaterialien, die möglichst klimaneutral zu verwenden sind oder intelligente Gebäudetechnik.

Hamburg und Berlin orientieren sich schon länger an wassersensibler Gestaltung der Kommunen. In Mexiko ist eine Stadt geplant, die große Wassermengen wie ein Schwamm aufsaugen soll. In Bayern ist beispielsweise die Stadt Pfaffenhofen an der Ilm engagiert darin, etwa städtische Grün- und Erholungsflächen so anzulegen, dass sie Hochwasser abmildern können.

Bau- und Planungsverbände in Bayern hatten bereits 2019 eine Kooperation vereinbart, aus der ein Leitfaden für Kommunen zur wassersensiblen Siedlungsentwicklung entstand, der im Januar dieses Jahres vorgestellt wurde. Die Beteiligten sprachen bei dessen Präsentation von Städten, die im Sommer kühl bleiben und im Winter Wärme speichern können, von grüner und blauer Infrastruktur mit Gewässern und Grünstreifen. Professor Dr. Wolfgang Günthert, Vorsitzender des DWA-Landesverbandes Bayern in der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V., äußerte: „Alle wasserwirtschaftlichen Maßnahmen zur Anpassung an die Klimafolgen müssen zielführend und rechtssicher sein. Ich empfehle daher die Anwendung der technischen Regeln der DWA für Planung, Bau und Betrieb der wasserwirtschaftlichen Infrastruktur, um Schäden so weit wie möglich zu vermeiden.“

Zum internationalen Tag des Ingenieurwesens für nachhaltige Entwicklung, dem „World Engineering Day“ der UNESCO, zeigte die Bayerische Ingenieurekammer-Bau zwei Monate später technische Möglichkeiten auf. „17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Welt hat die UN in ihrer „Globalen Agenda 2030“ definiert. Mindestens acht davon betreffen unmittelbar die Aufgaben der am Bau tätigen Ingenieure“, betonte Professor Dr. Norbert Gebbeken, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. Deshalb forderte er unter anderem, Städte nach dem Prinzip der „Schwammstadt“ zu errichten. Der Klimawandel führe verstärkt zu Starkregen und Hochwasser. „Städte, die so gebaut sind, dass sie Wasser aufnehmen und speichern können, sind deutlich besser gegen Schäden durch Wetterkapriolen geschützt. In Trockenperioden steht das gespeicherte Wasser den Pflanzen und Tieren zur Verfügung“, sagt Gebbeken. Dächer und Fassaden dürften nicht ungenutzt bleiben. Durch die Begrünung von Dächern oder der Installation von Photovoltaikanlagen entstehe ein wertvoller Beitrag zum Klimaschutz. Begrünte Fassaden trügen ebenfalls zu einem gesünderen Stadtklima bei und verhinderten das Aufheizen der Städte in den heißen Sommermonaten. Zudem plädiert Gebbeken dafür, Flächen zu entsiegeln und in (als Überflutungsflächen nutzbare, Anmerkung der Redaktion) Retentions- und Grünflächen umzuwandeln: „Wer Büsche und Bäume pflanzt, sollte finanziell bessergestellt werden als diejenigen, die ihr Grundstück großflächig versiegeln und Steingärten anlegen.“ Die Sanierung von Bestandsgebäuden sei in sehr vielen Fällen möglich und deutlich ressourcenschonender als Abriss und Neubau. Auch fordert der Kammer-Präsident, beim Abriss von Gebäuden die Baustoffe konsequent zu recyclen und wiederzuverwenden. Der Einsatz von nachwachsenden Naturbaustoffen, wie Holz, Lehm oder Stroh, müsse verstärkt geprüft werden. Praktische Ansätze für mehr Nachhaltigkeit im Bauwesen finden sich unter www.bayika.de/de/klimaschutz.

Revitalisierte Bürobauten

Vor einem Jahr trat das Gebäudeenergiegesetz mit dem Ziel in Kraft, bauenergetische Maßnahmen zu bündeln und die CO2-Emissionen von Gebäuden bis 2030 auf 70 Millionen Tonnen zu reduzieren.  Bei Neubauten ist häufig Beton, dessen Herstellung viel Energie verbraucht und Emissionen verursacht, ein Problem.

Den vor knapp 40 Jahren verwendeten Rohbeton zu erhalten, zu entkernen und neu zu gestalten, ist deshalb das Ziel bei der Revitalisierung des Bürokomplexes „Kustermannpark“ in München. Dabei geht es um insgesamt 40.000 Quadratmeter Flächen für Büros. „Alleine im Rohbau stecken 80 Prozent des CO2-Äquivalents“, so Timo Brehme, geschäftsführender Gesellschafter des Beratungs- und Architekturunternehmens CSMM. „Das zeigt, wie wertvoll und bedeutsam der Beton für die Ökobilanz ist. Es geht nicht nur darum, Dämmung und Heizung auf den neuesten Stand zu bringen. Ganzheitlich gedacht, ist eine Sanierung sogar klimafreundlicher, als es die vorgeschriebenen Energiestandards beim Neubau derzeit sind.“ Für den bereits fertiggestellten und im Oktober an das Personal- und Organisationsreferat der Stadt übergebenen Abschnitt an der Rosenheimer Straße hat CSMM elf Stockwerke und zwei Untergeschosse entkernt und saniert. Teile der Fassade und die Büroflächen wurden zusätzlich ausgebaut.

Standardisierte Sanierungen und dekarbonisierte Wärmeversorgung

Die Deutsche Energie-Agentur (dena), ein bundeseigenes Unternehmen, das Dienstleistungen erbringen soll, um die energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung zu Energiewende und Klimaschutz auszugestalten und umzusetzen, veröffentlichte im Oktober den Abschlussbericht der dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“. Beteiligt seien mindestens zehn wissenschaftliche Institute mit ihrer Expertise sowie mehr als 70 Unternehmen mit ihren Branchenerfahrungen und Markteinschätzungen. Ebenso ein 45-köpfiger Beirat „mit hochrangigen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“, verlautbarte die dena zur Veröffentlichung der aus dem Internet herunterladbaren Leitstudie: https://www.dena.de/fileadmin/dena/Publikationen/PDFs/2021/Abschlussbericht_dena-Leitstudie_Aufbruch_Klimaneutralitaet.pdf.

Die Beteiligten hätten gemeinsam untersucht, welche Technologiepfade aus heutiger Perspektive realistisch seien und welche Rahmenbedingungen es brauche, um diese bis 2045 in einem integrierten, klimaneutralen Energiesystem in Deutschland zu realisieren. Dabei seien konkrete Lösungssätze und CO2-Reduktionspfade für einzelne Sektoren (Bau, Verkehr, Industrie, Energieerzeugung sowie zu „Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft“, LULUCF), analysiert und identifiziert worden.

„Im Gebäudebereich haben wir sehr gute Erfahrungen mit Veränderungen gemacht“, sagte Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der dena, bei der Vorstellung der Studie in der Bundespressekonferenz – einerseits. Andererseits gab der dena-Chef zu bedenken, dass der Gebäudesektor „mindestens genauso schwierig“ umzuwandeln sei „wie die Industrie“.

Technologiepfade, die der neuen dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“ zufolge aus heutiger Perspektive realistisch sein sollen, sowie zugehörige Rahmenbedingungen, lesen sich folgendermaßen:

  • Im Gebäudebereich müssen die CO2-Emissionen allein bis 2030 um 44 Prozent sinken (von rund 120 auf rund 67 Mio. Tonnen in Kohlendioxid-Äquivalenten CO2ä).
  • Der Großteil der Minderungen (46,5 Mio. t CO2ä) entfällt auf Maßnahmen an der Gebäudehülle und technische Anlagen.
  • Der Einsatz von Wärmepumpen, der Ausbau der Anschlüsse an Wärmenetze muss massiv vorangetrieben werden. Im Szenario KN100 werden für das Jahr 2030 bereits 4,1 Millionen Gebäude mit Wärmepumpen versorgt, im Jahr 2045 sieht die Studie neun Millionen Wärmepumpen.
  • 2030 werden 1,3 Millionen weitere Wohnungen (gegenüber 2019) durch Wärmenetze versorgt werden, 2045 sind es dann 2,7 Millionen.
  • Auch der Einsatz von klimaneutralen Brennstoffen müsse sich bereits bis 2030 mehr als verdreifachen, von heute neun auf dann 32 Terawattstunden (TWh). Bis 2045 erfolgt eine weitere Vervierfachung auf 120 TWh.
  • Aufgrund der Vielschichtigkeit des Gebäudesektors mit seinen sehr spezifischen Herausforderungen sei aus heutiger Perspektive ein klimaneutraler Gebäudebestand ohne Wasserstoff und klimaneutrale Gase nicht denkbar. Eine besondere Herausforderung sei der dafür erforderliche Umbau der Infrastruktur.

„Um Klimaneutralität im Gebäudebestand zu erreichen, braucht es tiefgreifende Veränderungen mit hoher Geschwindigkeit. Gebäude mit dem schlechtesten Standard müssen zuerst angepackt, Sanierungsverfahren standardisiert, massiv intensiviert und die Wärmeversorgung schnell dekarbonisiert werden“, so Kuhlmann.

Foto-Copyright: Annegret Handel-Kempf

Die Nicht-Wiesn – „Obgsagt is“ statt „o’zapft is“ zum zweiten Mal in Folge beim Oktoberfest

Von Annegret Handel-Kempf

„Wir müssen draußen bleiben“: Das heißt es künftig nicht nur in bayerischen Restaurationsbetrieben für Menschen, die nicht alle Auflagen erfüllen, um hineinzukommen. In viel größerem Maße, nämlich für alle Feierlustigen, gilt das für das Oktoberfest in der bayerischen Landeshauptstadt. Weil die große Schunkel- und Schaustellerbetriebe-Gaudi ein Volksfest ist und deshalb für alle offen sein soll. Nicht nur für einige wenige, speziell für Menschen mit einem Bapperl im Impfausweis. Offen für alle sein, genau genommen für die ganze Welt, ist die Intention des einstigen Hochzeitsfestes bayerischer Thronfolger, das Altbayern und Franken miteinander versöhnen sollte. Denn das Besondere des Münchner Oktoberfestes liegt ja darin, dass nicht nur Franken und Altbayern, sowie Schwaben, sondern sogar Australier, Italiener und Japaner gleichermaßen sich verbrüdern und verschwestern, wenn sie zur angeblichen Volksmusik auf den Tischen tanzen.

In Pandemiezeiten ist das schwierig. Sollen nur ortsansässige Münchner oder noch ein paar weitere Bayern aufs Traditions-Volksfest gehen dürfen? Das lohnt sich nicht, denn wer zuhause „vorwärmen“ kann, bringt den Wiesn-Wirten nicht genug Umsatz. Und zwei Wochen lang kann kein Münchner täglich auf die Wiesn ziehen, um das Geld, das er in dieser Zeit nicht verdient, mit exponentiellem Zuschlag auszugeben. Außerdem müsste man – wie draußen, vor der Wiesn – Masken tragen, wenn es eng wird. Abstand halten. Am besten sollten eh nur die Geimpften reingelassen werden, die aber womöglich ungeimpfte Bedienungen über Viren-Transmissionen anstecken. Schwierig, schwierig. Somit müssen doch einmal mehr alle draußen bleiben. Das Volk, die Welt, beim weltgrößten Gaudi-Fest. Auch wenn das in den ersten Monaten der Pandemie noch keiner gedacht hätte. Wer weiß, wie es weiter geht, mit Nicht-Wiesn, Digital-Wiesn, Dubai-Wiesn oder Masken-Wiesn?

„Man kann mit Prognosen ziemlich daneben liegen. Vor einem Jahr habe ich hier gesagt: Nächstes Jahr gibt es bestimmt wieder ein Oktoberfest“, sagte der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter am ersten Montag im Mai vor der kurzfristig eingeladenen Presse. Als das „globalste Fest überhaupt“ sei die Wiesn erneut nicht machbar. So der bayerische Ministerpräsident Markus Söder nach einem Gespräch mit Reiter. Den Kommunen werde empfohlen, dass auch die weiteren großen Volksfeste in Bayern nicht stattfinden sollten.

Der Donnerschlag fiel in diesem Jahr merklich leiser aus. Mehr überrascht als die Absage der Wiesn 2021 hätte es nicht nur die Münchner, wenn das weltgrößte Volksfest in diesem Jahr nach mehr als eineinhalb Jahren Pandemie stattgefunden hätte. Denn wenn es ein Synonym fürs Nicht-Abstandhalten gibt, dann ist es die entfesselte Umarmung der Gemütlichkeit auf der Theresienwiese in der bayerischen Landeshauptstadt. „Wer einmal auf der Wiesn war, für den ist klar: Das ist einfach nicht vorstellbar“, so der OB. Er habe sich mit Wirten und Beschickern getroffen. Laut Reiter hätten die Planungen für die diesjährige Wiesn jetzt konkretisiert werden müssen. „Sehr schade“ sei die Entscheidung für die Millionen Fans der Wiesn, aber auch wegen ihrer „existenziellen Auswirkungen“ für die Menschen, die dort arbeiteten.

Manch einen verwunderte es, dass das Oktoberfest überhaupt ein Thema war. In einer Situation, in der nicht einmal Biergärten mit der eigenen Familie besucht werden dürfen. In der Jugendliche – auch ohne Alkohol – abends nicht gemeinsam am Olympiaberg, im Englischen Garten, an der Isar oder den Münchner Haus-Seen zusammensitzen dürfen. In der auf der Theresienwiese ständig wie am Fließband getestet wird, weil kaum mehr ein Bett auf den Intensivstationen frei ist.

„Wir hatten eine Situation mit Werten um 25. Das ist mittlerweile mehrere Monate her“, erklärte Reiter. „Seither sind wir nur in eine Richtung unterwegs gewesen: Steigend. Da geht der Gesundheitsschutz eindeutig vor. Bei allen berechtigten Interessen, wirtschaftlicher Art.“

Doch sollten bis September nicht alle Menschen ein Impfangebot erhalten haben? Und selbst die Kinder bis zum Schulbeginn im September geimpft sein?

„Ich wäre sehr froh, wir hätten ein Impfangebot für alle in der Bevölkerung“, sagte Reiter dazu. Und verwies wieder auf die Ungenauigkeit von Vorhersagen. Außerdem: „Wie kriegen wir den Rest der Bevölkerung dazu, sich impfen zu lassen.“

Auf jeden Fall mag der 62-Jährige niemanden maßregeln, wenn es um das Leeren der Bierkrüge geht: „Ein Volksfest ist ein Volksfest. Da muss jeder hingehen können, der mag. Ohne Einschränkungen mit Blick auf Impfungen.“

Deshalb blickt er lieber auf die Wiesn 2022. So wie vor einem Jahr auf die Wiesn 2021: „Wenn es nächstes Jahr, und davon gehe ich aus, ein Oktoberfest geben wird, wird es wieder das Wiesn-Feeling geben“, sagte Reiter und verwies auf die „vielen Anmeldungen für dieses Jahr“, obwohl seit langem ziemlich klar war, und nicht nur ihm, dass das Oktoberfest in diesem Jahr nicht mit seinen Millionen Besuchern stattfinden kann.

Das unbeschwerte Wiesn-Feeling werde sich einstellen, „sobald wir wieder feiern dürfen und dabei ein gutes Gefühl haben, weil die allermeisten geimpft sind. Sowie die Pandemie weltweit okay ist.“ Eine sichere und ausgelassene Atmosphäre wünscht sich Münchens Oberbürgermeister für eine Wiesn, die endlich nicht mehr nicht stattfindet. Alle sollen hingehen können, ohne Einschränkungen durch Kontaktbeschränkungen.

Eine Nicht-Wiesn 2022 schließt hingegen der Ministerpräsident des Freistaats nicht aus. Söder: „Keiner kann sagen, wie sich die Pandemie entwickelt. Wir versuchen das zu machen, was möglich ist. Dieser Kurs ist der seriöse.“

Zu Trachten, Dirndln und Lederhosen könnte es bei der nächsten Wiesn, die nicht nicht stattfindet, allerdings eine Ergänzung im Kopfbereich geben. Söder geht nämlich davon aus, „dass uns die Maske in irgendeiner Form bleiben wird.“ Wenn auch nicht als Verpflichtung, sondern als automatische Schutzvorkehrung, wie sie in Asien schon seit Zeiten der Vogelgrippe Usus sei.

„Manches bleibt, manches wird neu erfunden“, resümierte der bayerische Regierungschef. Das Wiesn-Feeling komme wieder, weil die Menschen danach „hungern“ würden. Fröhlich beisammen sein und ungezwungen feiern. Bier konsumieren und im Vorfeld mit großem Ernst debattieren, um wieviel der Bierpreis in diesem Jahr steigt. Oder gar sinkt, weil die Pandemie alles auf den Kopf gestellt hat?

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wiesn stattfindet, ist wahrscheinlich höher als die Wahrscheinlichkeit, dass der Bierpreis sinkt„, übte sich der Mathe-Fan genussvoll in Wiesn-Wahrscheinlichkeitsrechnungen. „Wir werden versuchen, die Wahrscheinlichkeiten zu managen.“

Für 2021 heißt es in München aber erst einmal wieder: „Obgsagt is“ statt „o’zapft is“. Und wem das nicht taugt, der kann sich zum Abklatsch nach Dubai aufmachen. So er denn fliegen und einreisen darf. Denn noch müssen viele draußen bleiben. Aber draußen ist es auch recht schön. Und zwischen Feierabend und Ausgangssperre bleibt eh keine Zeit zum Feiern.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

 

Warum fehlen Luftreiniger?

Strömungsmechanik-Forscher Kähler kritisiert, dass ein politisches Signal für Luftreiniger in allen Klassenzimmern fehlt: „Nicht gegen Marktwirtschaft anregieren“

Ein beliebter Gag handelt davon, anderen Menschen Luft zu verkaufen. „Schön dumm, da mitzumachen“, denkt fast jeder. Durchaus kurzsichtig kann es in einer Marktwirtschaft sein, in einer Pandemie für Schulen keine Luftreiniger einzukaufen. Vielleicht aus Angst, selbst keine mehr zu bekommen, statt auf die Tatkraft des Mittelstands und die Gesetze des Marktes zu vertrauen?

Von Annegret Handel-Kempf

Christian Kähler ist Forscher. Deshalb informiert er über Forschung, die er im letzten Jahr gemacht hat, anlässlich der Pandemie. Zugleich ordnet er ein, was aus seiner Beobachtung heraus versäumt wird. Insbesondere durch die Politik. In Feldern, für die gar nicht so viel geforscht werden müsste, weil ihr Nutzen und Wirken beziehungsweise ihre Automatismen hinlänglich bekannt sind. So auch im April 2021, an dessen Ende in Bayern die Inzidenz-Zahlen für Jugendliche im 300er-Bereich lagen.

Stark sei die Pandemie durch die Strömungsmechanik getrieben, weil die Aerosolpartikel, auf der die Viren sitzen, sich mit der Luft ausbreiten. Aber auch, weil „die ganzen Entstehungsprozesse im Körper und die Ablagerung im Körper alles Strömungsmechanik ist“, sagt der Leiter des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in München.

Die Vermeidung, die Verhinderung der Infektion sei ebenfalls Strömungsmechanik. Deshalb habe er sich vor etwa einem Jahr auf dieses Thema „eingeschossen“, auch mit Studien.

Im Frühjahr 2020, zu Beginn der Pandemie, kommunizierte Kähler, wie gut Masken schützen. Bis heute testet er, wie gut diverse Luftreiniger unter unterschiedlichen Gegebenheiten und mit verschiedener Bauweise funktionieren. Seine drei Hauptkriterien für die Anschaffung eines geeigneten Geräts sind erstens die Volumenleistung im Verhältnis zur Raumgröße, um einen sechs- bis achtfachen Luftaustausch pro Stunde zu erreichen, zweitens die Filterqualität, um die Viren abzuscheiden beziehungsweise zu inaktivieren, und schließlich das leise und trotzdem effiziente Arbeiten von Geräten, die in Schulen oder Betrieben im Dauereinsatz laufen, da sie sonst stören und nicht genutzt würden.

Ausschließlich zu lüften, scheitere am Menschen und an der Physik. Wenn nicht durch ständiges Öffnen und Schließen von Fenstern, durch dadurch entstehende Unterschiede zwischen kalt und warm, oder durch Sturm wie an der Küste, echter Luftaustausch entsteht, sinke die Virenlast in der Raumluft kaum.

Schulen umzurüsten mit raumlufttechnischen Anlagen ist der beste Ansatz“, gesteht der Forscher zu. Diese riesigen, verbauten Objekte, die Hunderttausende Euro kosten, seien sehr leise. Solche RTLAs bedeuteten jedoch immer Neubau. Und so schnell bekommt man nicht alle Schulen neu gebaut. „Wir können sie nicht nachrüsten. Das wird 50 bis 100 Jahre dauern. Das muss man erstmal in die Verordnung reinbringen, das ist keine Lösung“, verwirft Kähler die teuerste Option. „Wir haben die Pandemie jetzt.“

Die mittlere Lösung für wenig mit Viren belastete Luft in Schulen sind fix stehende, stationäre Anlagen, für die Kernbohrungen nötig wären, zwei pro Klassenraum. Für sie gäbe es derzeit Fördermittel vom Bund. Doch diese großen, fest verankerten Geräte stellen mit ihren aufwändigen Genehmigungsverfahren auch keine schnelle Lösung für eine Pandemie dar: „Das dauert ein Jahr, alle Zettel auszufüllen, ein Jahr, um sie behördlich zu bearbeiten, ein Jahr für Ausschreibungen für Handwerker und Sonstiges“, listet der Hochschullehrer auf. „Im letzten Jahr werden die stationären Anlagen dann eingebaut. Als Zwischenlösung, die 20.000 Euro pro Klassenraum kostet.“

Kählers Resümee zufolge, kommen für Schulen in dieser Pandemie nur mobile Geräte in Frage, die aufgrund ihrer ruhigen Hochleistung und Langlebigkeit ein paar Tausend Euro kosten. „Die politischen Führer hätten sagen sollen: Wir wollen das. Diese Geräte haben einen nachweislichen Schutz, das ist seit 50 Jahren in der Krankenhaushygiene erwiesen.“

Laut Kählers Studien, sollte ein Luftreinigungsgerät, beim Stand der Pandemie in ihrem zweiten Jahr und angesichts von Viren-Mutationen, innerhalb von 60 Minuten etwa das sechs- bis achtfache Luftvolumen eines Klassenraums filtern, um indirekte Infektionen mit Corona vorzubeugen. Acht Luftwechsel müssten in einem Hörsaal pro Stunde erfolgen, 12- bis 15-mal sollte die Luft in einem Krankenzimmer ausgetauscht werden. Und zwar (in der zweiten oder dritten Filterstufe) mit einem HEPA-Filter (hochabscheidender Schwebstofffilter, High Efficiency Particulate Air Filter) der Klassen H13 besser noch H14, der nach der DIN-Norm EN 1822-1 geprüft ist. „Nur diese Filter scheiden auch wirklich 99,995 Prozent der Aerosolpartikel ab, die diese Viren tragen“, betonen Kähler und seine Mitautoren in ihrer Studie vom August 2020 zur Frage: „Können mobile Raumluftreiniger eine indirekte SARS-CoV-2 Infektionsgefahr durch Aerosole wirksam reduzieren?“.

Der Vorwurf des Wissenschaftlers: „Diese Geräte aus dem Markt rauszuhalten, ist großer Unsinn. Das ist Unfug, eine vollkommen verfehlte Politik, ein Schaden an der Bevölkerung.“ Ebenso sei es beim Impfstoff. Der Preis sei nicht so relevant. Kähler geht es um eindeutige Signale. „Die Industrie hätte viel mehr produziert, um Geld zu verdienen“, sagt der Strömungsmechanik-Experte. „Man muss doch mal Marktwirtschaft verstehen, wenn man so was macht, nicht gegen die Marktwirtschaft anregieren.“

Wenn man nicht einen Anreiz setze, würde es zum unternehmerischen Risiko, Tausende Geräte in Vorleistung zu produzieren: „Und dann sagt vielleicht die Regierung: Ne, wir wollen das nicht.“

Der Hochschulprofessor vertraut auf die Industrie: „Es gibt ganz viele Unternehmen, die solche Raumluftreiniger bauen, wenn das politische Signal käme, wir wollen alle Klassenräume ausstatten. Der ganze Mittelstand in Deutschland würde die Produktion hochfahren, sie würden den ganzen Bedarf nach kurzer Zeit decken.“ Das Geld würde idealerweise bereitgestellt vom Bund, weil es ja eigentlich „eine kleine Summe“ sei. „Es kostet 1,5 bis 2 Milliarden Euro, mobile Luftreiniger zur Vermeidung einer indirekten Infektion für alle Klassenräume in Deutschland, zusammen mit transparenten Schutzwänden, die eine direkte Infektion verhindern“, rechnet Kähler vor. Das sei wenig im Vergleich zu Staatshilfen, zu Lockdown-Kosten.

Und er sieht einen sozialökonomischen Nutzen, neben dem indirekten Infektionsschutz durch die mobilen Hochleistungsluftreiniger: „Wenn der Staat sagt, wir stellen Geld bereit, wird das Arbeitsplätze sichern, weil das den Mittelstand ankurbelt. Weil am Ende Steuern dabei rauskommen, da die Investition bewirkt, dass Arbeiterinnen und Arbeiter Geld ausgeben.“

Am Anfang der Pandemie waren es die Masken, deren Wirksamkeit in Frage gestellt wurde. Damals, als die Produktion in Asien stillstand und Mund- und Nasenschutz-Produkte deshalb knapp waren, während Corona sich weltweit ausbreitete. Professor Kähler wies im Frühjahr 2020 mit seinem Team vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik nach, dass Masken vor der Ausbreitung der Infektion schützen. Als sich die Intensivstationen füllten, schreckliche Bilder aus Italien kamen, wurden Schulen und Betriebe fast über Nacht geschlossen, um die Menschen vor Ansteckung zu schützen. Die Situation war AH-Lockdown, ohne Schutzschilder aus Flies oder Stoff. „Man wollte die Masken für sich selbst haben und für den medizinischen Bereich“, sagt Kähler ein Jahr später bei einem digitalen Roundtable, den ein Hersteller von kleinen Mono-Luftreinigern für den privaten Bereich veranstaltete.

Dort bat ihn die Verfasserin dieser Zeilen um seine Einordnung, warum es beispielsweise die Stadt München ablehnt, größere mobile Luftreiniger für die Schulen anzuschaffen. Virenlast-Reduzierer, die aus dem Profisegment kommen, deshalb auch leise und leistungsstark im Dauerbetrieb arbeiten könnten. Von der Pressestelle des Referats für Bildung und Sport hatte sie im März 2021 auf Nachfrage folgendes Statement erhalten:

„Als Sachaufwandsträgerin für die rund 350 öffentlichen Schulen in München hat die Landeshauptstadt eine Expert*innenrunde mit Vertreter*innen des Gesundheitsreferats, des Referats für Bildung und Sport, des Baureferats, des Fachdienstes für Arbeitssicherheit, des Betriebsärztlichen Dienstes und der Stabsstelle Krankenhaushygiene einberufen.

Diese Expert*innen kamen zu folgenden Ergebnissen: Die Anschaffung von mobilen Raumluftreinigungsgeräten wird für die Münchner Schulen derzeit nicht für sinnvoll erachtet, da der infektionspräventive Nutzen hinsichtlich Covid-19 bislang nicht nachgewiesen wurde und sie ggf. sogar kontraproduktiv wirken.“

Kähler reagierte mit klaren Worten: „Dieses Statement ist komplett falsch. Diese Geräte werden seit 50 Jahren eingesetzt, sie sind zertifiziert und lizensiert. Die Infektionswahrscheinlichkeit fängt an bei der Aerosolkonzentration im Raum und ist proportional zur Virenkonzentration, daher generieren sie weniger Infektionsrisiko.“

Die „falsche“, „generelle“ Aussage der Expertengruppe sei möglicherweise dadurch motiviert, dass auch schlechte Geräte auf dem Markt seien, für die man keine Empfehlung abgeben möchte, da diese nicht helfen. Doch der Wissenschaftler äußert weitere Vermutungen, „warum sich viele gegen die Anschaffung sperren“. Er sagt: „Ich könnte ihnen eine Liste auflegen, welche Behörden diese Geräte beschafft haben, das sind Tausende. Alle Ministerien haben das, viele Gerichte. Sie sehen das abends in den Nachrichten, diese ganzen Schutzvorkehrungen. Es wird nur noch versucht, diese aus den Klassenräumen fernzuhalten.“

Und dann kommt er auf einen vielleicht befürchteten Mangel an tauglichen Luftreinigern im Kostensegment von gemäßigten, einstelligen Tausenderbeträgen zu sprechen, der bei einem politischen Signal an den Markt gar nicht entstehen müsste. Kähler führt aus: „Grund ist meines Erachtens ein anderer. Wenn man sagen würde, wir wollen diese Geräte für Klassenräume, wären das viele Millionen. Wenn alle Klassenräume Lufteiniger bekämen, wären Geräte für die Allgemeinheit nicht mehr verfügbar. Das heißt, wenn ein Amt bei einer Firma bestellen will, wird es keine mehr kriegen.“ Das sei eine Motivation, möglicherweise.

Kähler erinnert an die Infragestellung des Nutzens von Masken. Er konstatiert „eine gängige Methode, die offensichtlich verwendet wird, um Bedarf in bestimmte Bereiche zu lenken, indem man sie anderen Bedürftigen vorenthält“. Sein Urteil zum „Heraushalten“ von Luftreinigern aus Klassenzimmern: „Eine verfehlte Politik an dieser Stelle.“ – Womit sich der Kreis zum „Anregieren gegen den Markt“ schließt. Und zu Risiken in Pandemien, die Luftreiniger in Schulen und Betrieben, neben Tests, herabsetzen könnten.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

Präsenzunterricht bei hohen Inzidenzen in der Pandemie: Luftreiniger mit Qualität sind kein Luxus – auch für eine Landeshauptstadt

Kaum eine Lockerung des Lockdowns wurde und wird so vehement gefordert, wie die bleibende Rückkehr von Schüler*innen an die Schulen. Doch solange Lehrer*innen, Kinder und Jugendliche nicht umfassend geschützt werden, ist das schwierig. Der Wechselunterricht wäre eine Option, wenn zugleich möglichst viel für die Ansteckungsprävention getan würde. Viele Sachaufwandsträger nutzen mittlerweile die Fördertöpfe, um mobile Luftreiniger mit hoher Filterwirkung in den Klassenräumen aufzustellen. Doch längst nicht alle, obwohl die Ansteckungsgefahr über Aerosole durch Mutationen noch zunimmt.

Von Annegret Handel-Kempf

Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Geld muss auch für die Gesundheit von Schüler*innen locker gemacht werden.

Große, mobile Raumluftreiniger können hocheffizient wirken. Als Standgeräte, teils sogar auf Rollen, lassen sie sich einfach anschaffen und aufstellen. Eine integrierte, thermische Reinigung ihrer Filter erhöht die Hygiene, reduziert den Wartungsaufwand und die Funktionskosten.

Schulaufwandsträger, in der Regel sind das die Kommunen, nutzen als Ausrede gerne bereits vorhandene, festverbaute, raumlufttechnische Anlagen (RLTAs). Doch deren Umrüstung wäre teuer und zeitaufwendig und für die jetzt geforderten Schulöffnungen zu spät abgeschlossen. Denn die Aufwertung von stationären Lüftungsanlagen im Bestand zu vireneffektiven Raumluftreinigern braucht zu viel Zeit für Genehmigungsverfahren und reichlich Geld für den nicht unkomplizierten Umbau.

Manch moderne, stationäre RLTA tauscht die Luft stündlich komplett aus. Das klingt gut, reicht aber nicht. Die Viren bleiben als Last im Raum, wenn die Luftwechselrate nicht deutlich erhöht wird.

Fest verbaute RLT-Anlagen könnten gegebenenfalls auch im Winter bei Frost effizient arbeiten, sofern sie für einen Umluftbetrieb mit hochklassigen Filtern ausrüstbar sind. Hier besteht aber die Gefahr, dass virenhaltige Aerosole wieder dem Raum zugeführt werden. Davor warnt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihrem Dokument „Infektionsschutzgerechtes Lüften – Hinweise und Maßnahmen in Zeiten der SARS-CoV-2-Epidemie“. Deshalb sollten „geeignete Methoden zur Luftbehandlung mittels Abscheidung oder Inaktivierung von Viren“ angewandt werden.

Die Behörde nennt als geeignetes Filtersystem HEPA-Filter nach DIN 1822-1. Zusätzlich sei der Volumenluftstrom anzupassen, damit nicht ein Überdruck den Luftwechsel senkt und Undichtigkeiten in den Lüftungsleitungen begünstigt.

Klingt kompliziert. Einfacher sind mobile Luftreiniger, die ein Jahr nach Beginn der Pandemie schon längst in jedem Klassenzimmer und anderem Unterrichtsraum stehen könnten. Doch Eltern, Virologen und Schulen rennen bei manchen Sachaufwandsträgern immer noch gegen Wände. Ausgerechnet hier schlägt in Pandemie-Zeiten der Sparfuchs durch.

Worauf es ankommt: Wenn nicht genügend frische Luft über Fenster hereinkommt, muss die Technik helfen. Sagt auch das Umweltbundesamt (UBA). Denn fünf- bis siebenmal pro Stunde sollte die Luft in Innenräumen komplett gegen frische Außenluft ausgetauscht bzw. wirksam gereinigt werden. Das heißt, ein Luftreinigungsgerät muss zur Corona-Prävention innerhalb von 60 Minuten etwa das sechsfache Luftvolumen des Raumes filtern. Und zwar (in der zweiten oder dritten Filterstufe) mit einem HEPA-Filter (hochabscheidender Schwebstofffilter, High Efficiency Particulate Air Filter) der Klassen H13 besser noch H14, der nach der DIN-Norm EN 1822-1 geprüft ist. „Nur diese Filter scheiden auch wirklich 99,995 Prozent der Aerosolpartikel ab, die diese Viren tragen“, betonen Professor Christian Kähler und seine Mitautoren in ihrer August-Studie zur Frage: „Können mobile Raumluftreiniger eine indirekte SARS-CoV-2 Infektionsgefahr durch Aerosole wirksam reduzieren?“. Kähler forscht am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg. Für die gefährlicheren Mutanten muss dem Experten zufolge die Luft sogar noch häufiger gereinigt werden.

Solange nicht Fachfirmen wirksame, mobile Luftreiniger aufstellen, besteht die Gefahr, dass in den Schulen vorhandene Sekundärluftgeräte als Ersatz genutzt werden. Das darf nicht geschehen. Denn beispielsweise Ventilatoren oder Heizluftgebläse könnten „Tröpfchen oder Aerosole mit Viren unter Umständen auf andere Personen lenken und so das Infektionsrisiko steigern“, lautet eine Warnung der Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin-Behörde BAuA vor Virenumtriebigkeit durch raumluftdurchmischende Technik ohne Reinigungswirkung.

In Berlin waren Mitte Januar, einer Umfrage der Deutschen Presseagentur zufolge, die Bezirksämter dabei, Luftreiniger zu besorgen, wenn auch nicht für alle Klassenräume.

Je länger keine verlässlichen Geräte angeschafft werden, desto größer wird die Gefahr, dass improvisiert und gebastelt wird, um Viren zu vertreiben: Die Weltgesundheitsbehörde WHO, das Umweltbundesamt (UBA) und diverse andere Institutionen raten, im Umfeld von Menschen auf Raumluftreiniger zu verzichten, die (ergänzend) mit ultravioletter Strahlung, elektrostatischer Wirkungsweise, Ozon, Plasma und Ionisierung wirken. Sie könnten reizen oder die Gesundheit gefährden. Hände weg, das gilt auch bei ungeprüfter und unerprobter Billigware aus zweifelhafter Quelle und mit niedrigen Standards. Aktivkohle-Filter, in Durchsatzgeräten häufig gegen Gase und Gerüche eingesetzt, haben allein keine Wirkung auf Viren.

Derzeit scheinen zumindest im südlichen Freistaat teils mehr CO2-Messgeräte als mobile Luftreiniger in Schulen aufgestellt zu werden. In der ersten Antragsrunde, die bis Ende Dezember 2020 lief, haben nach Auskunft eines Sprechers des
Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus rund 450 kommunale und private Schulaufwandsträger die Förderung von rund 4.600 mobilen Luftreinigungsgeräten beantragt. CO2-Sensoren seien in diesem Zeitraum von gut 1.600 Schulaufwandsträgern beantragt worden. In der aktuell laufenden zweiten Antragsrunde sollen bislang rund 400 kommunale und private Schulaufwandsträger Förderanträge für weitere rund 7.450 mobile Raumluftreinigungsgeräte gestellt haben. Das Ergebnis zeige, dass viele Schulaufwandsträger die Chance nutzen, die ihnen die Staatregierung mit dem Förderprogramm bietet. „Andere Schulaufwandsträger sind leider noch nicht aktiv geworden, etwa die Landeshauptstadt München“, so der KuMi-Sprecher. Für den Bereich der öffentlichen Schulen seien im staatlichen Förderprogramm noch Mittel verfügbar.

Von der Stadt München heißt es auf Nachfrage: „Als Sachaufwandsträgerin für die rund 350 öffentlichen Schulen in München hat die Landeshauptstadt eine Expert*innenrunde mit Vertreter*innen des Gesundheitsreferats, des Referats für Bildung und Sport, des Baureferats, des Fachdienstes für Arbeitssicherheit, des Betriebsärztlichen Dienstes und der Stabsstelle Krankenhaushygiene einberufen. Diese Expert*innen kamen zu folgenden Ergebnissen: Die Anschaffung von mobilen Raumluftreinigungsgeräten wird für die Münchner Schulen derzeit nicht für sinnvoll erachtet, da der infektionspräventive Nutzen hinsichtlich Covid-19 bislang nicht nachgewiesen wurde und sie ggf. sogar kontraproduktiv wirken.“

Die Münchner Schulen erhielten außerdem die Möglichkeit, zur Umsetzung des individuellen Lüftungskonzepts CO2-Messgeräte für ihre Klassenzimmer anzuschaffen. Die CO2-Ampeln gäben einen Hinweis, wenn sich die Luftqualität im Raum verschlechtert.

Immerhin könnten Kohlendioxid-Messgeräte feststellen, ob wirklich Luft ausgetauscht wird. Sie dürften jedoch nicht als Indikator für die Virenlast im Raum missverstanden werden. Dies rechneten Kähler und Kollegen Ende September in einer weiteren Studie mit dem Titel: „Schulunterricht während der SARS-CoV-2 Pandemie ‒ Welches Konzept ist sicher, realisierbar und ökologisch vertretbar?“ anhand mathematischer Modelle vor. Das Problem der Kohlendioxid-Messer: Anzahl und Aktivität der Menschen im Raum berücksichtigen die CO2-Ampeln den Forschern zufolge nicht und sie zählen keine Viren.

Fenster-Aufreißen reicht nicht. Und CO2-Messer wiegen uns in falscher Sicherheit. Lüften vor Unterrichtsbeginn treibt vorübergehend sogar die Aerosol-Konzentration hoch, während der CO2-Wert sinkt. Das stellte ein Team um Joachim Curtius von der Arbeitsgruppe Experimentelle Atmosphärenforschung an der Goethe-Universität Frankfurt fest, als es in einer Schule mobile Luftreiniger mit einem HEPA-Filter ausprobierte und seine Ergebnisse in einem Preprint veröffentlichte.

Fazit – Endlich shoppen gehen und mobile Hochleistungs-Luftreiniger kaufen: Investitionen in mobile Luftreiniger werden teilweise vom Staat gefördert. In Bayern in einer zweiten Antragsrunde noch bis Ende März, mit bis zu 50 Prozent bzw. einem Förderhöchstbetrag von 1.750 Euro pro Raum – jetzt auch für alle Räume, wie Minister Piazolo betont.

Mehrere solcher Geräte wurden in Deutschland neu entwickelt und von Wissenschaftlern intensiv getestet. Als Referenz-Produkt für seine Studien verwandte das Institut für Strömungstechnik und Aerodynamik der Bundeswehr-Uni München solche Hochleistungs-Luftreiniger. Die mobilen Geräte wurden mit besonders hoher Filtervolumenleistung speziell für mittlere und große Räume wie Schulklassen, Büros oder Gastronomieräume konstruiert und getestet. Die Viren im Filter sollen durch die Erhitzung zerstört und der Entstehung von Bakterien, Biofilmen und Pilzen ohne gesundheitsschädliche chemische Zusatzstoffe oder UV-C-Strahlung entgegengewirkt werden.

Krankheiten, die durch Keime, Bakterien und Viren hervorgerufen werden, inklusive Corona und Influenza, sollen mit mobilen Luftreinigern vermieden, die Pollen- und Staubbelastung gesenkt und das Wohlbefinden von Allergikern und Asthmatikern gesteigert werden. Lernen würde so leichter und angenehmer.

Das heißt, mobile Luftreiniger könnten auch nach der Corona-Pandemie dazu beitragen, dass Kinder entspannter im Klassenzimmer sitzen und weniger Krankheiten aus der Schule mit heimbringen. Das sollte uns die Anschaffung wert sein. Und gegenwärtig ist Präsenzunterricht sowieso nur dann zu verantworten, wenn die Luft so rein ist, wie es technische Maßnahmen hergeben.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

Entsorgt das Corona-Management von Faxgeräten und haltet Gesundheits-Innovatoren im Land

Von Annegret Handel-Kempf

Ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie hat Deutschland immer noch ein massives Problem mit der Übertragung von Testergebnissen und der Anordnung von Quarantänen durch Gesundheitsämter. Auch hier wirken Faxgeräte als Bremsen. Zudem wurden Daten und Adressen aus handschriftlich ausgefüllten Papieren fehlerhaft und langsam erfasst. Die Chancen der Digitalisierung wurden nicht rechtzeitig und systematisch genug genutzt.

In Bayern beispielsweise war immerhin im vergangenen Herbst an den Gesundheitsämtern in manchen Landkreisen eine vielseitige Software für die Kontaktnachverfolgung und die Unterbrechung von Infektionsketten eingeführt worden. Diese eigentlich funktionierende Digitalisierungstechnik soll nun mitten im aufreibenden Tagesgeschäft durch die Software „Sormas“ (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) ersetzt werden, damit sich angrenzende Bundesländer digital miteinander verständigen können.

In allen bayerischen Landkreisen und kreisfreien Städten, im gesamten Bundesgebiet soll Sormas spätestens zum Stichtag 28. Februar übernehmen, damit wichtige Daten zur Corona-Bekämpfung schneller übermittelt werden. Eigentlich sollte Sormas bereits zum 1. Januar bundesweit in allen deutschen Ämtern installiert sein. Bislang fehlen aber notwendige Schnittstellen. Denn selbst wenn die Software irgendwann in allen Gesundheitsämtern ist: Auch die Kommunikation mit den Laboren und anderen Behörden muss darüber klappen. Das ist nicht selbstverständlich. Die Wirtschaftswoche erfuhr in einer Anfrage beim Bundesgesundheitsministerium, dass unter anderen das Saarland bisher noch in keinem Gesundheitsamt Sormas nutze. Schnittstellenprobleme sollen auch hier der Hemmschuh sei.

Digitalisierungs-Start-ups zum Bleiben motivieren

Unübersehbar bleibt: Digitalisierung im Gesundheitswesen muss auch in Deutschland schneller gehen. Eine alternative Software würde für die aktuelle Situation und die große, föderal vielfältige Bundesrepublik vielleicht besser taugen als Sormas. Auch wenn die derzeit favorisierte Software, die seit 2014 als Open-Source-Tool unter Mitwirkung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung – ursprünglich wegen Ebola – entwickelt wurde, bei der Epidemie-Bekämpfung in Afrika sehr geholfen hat, als es um Ausbruchsmanagement und digitalisierte Krankheitsüberwachung ging.

Doch Start-ups, die oft sehr pragmatische Lösungen entwickeln, haben es angesichts aller regulatorischen Vorgaben und der gesetzlichen Krankenkassen, in denen 90 Prozent der Versicherten Mitglieder sind, hierzulande nicht leicht, Innovationen voranzubringen und ihre Investoren lang genug bei der Stange zu halten. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte im Herbst 2020 bei der „Digital Health Conference“ der „Transformation Week“, bei der etwa 4.500 Teilnehmer über Künstliche Intelligenz und Digitalisierung in der Medizin diskutierten: „Wir müssen als Deutschland und Europa weniger abhängig von China sein. Das gilt ein Stück weit auch für die USA. Das ist eine andere Vorstellung von Datenschutz und auch von Algorithmen.“

Deutschland muss Gas geben: Die Abwanderung beziehungsweise der Ausverkauf von Unternehmen der Künstlichen Intelligenz und der Robotik hat schon begonnen. Im Health-Management geht es um Menschenleben und darum, dass Deutschland als Innovationsstandort nicht abgehängt wird.

Spahn im November über Firmen des digitalen Gesundheitswesens: „Wir müssen uns nicht verstecken. Wir haben tolle Unternehmen. Ich möchte, dass sie hierbleiben.“

Wenn das klappen soll, muss der Gesundheitsminister aufs Tempo drücken. Und die Bundesregierung darf nicht an der falschen Stelle sparen.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

Lasst das Faxen – Digitalisierung und Datenübermittlung im Gesundheitswesen müssen deutlich schneller gehen

Von Annegret Handel-Kempf

An Marktständen drängen sich vor allem Senioren immer wieder zwischen den Sicherheitslücken beim Schlange-Stehen durch. Sie wollen die angebotenen Waren aus der Nähe begutachten, bevor sie selbst an der Reihe sind und ihre Wünsche schnell äußern sollen. Hier würden digitale Großbildschirme helfen, auf denen die Früchte und Gemüse des Tages mit ihren Preisplaketten wie am laufenden Band vorbeiflanieren. So könnten auch Kurzsichtige diszipliniert mit zwei Metern Abstand zu den Kund*innen vor ihnen stehen und mit den Augen auf dem Heimkinoleinwand großen Display ihre Vorauswahl für den Einkauf treffen.

Zugegeben: Für die Marktstand-Betreiber ist es schwierig, solch großen Aufwand für ihre mobilen Marktstände zu betreiben. Sehr viel naheliegender wäre hingegen mehr Digitalisierung bei Ärzt*innen. Statt Termine mit realistischen Zeitfenstern online zu vergeben und per SMS an deren Wahrnehmung zu erinnern, lassen viele Hausärzt*innen ihre Patient*innen derzeit unter Corona-Rahmenbedingungen im Freien und in Treppenhäusern Schlange stehen. Glückskinder sind hier Senior*innen, die in der Nähe ihrer Hausarztpraxis wohnen und vom Fenster sehen, wenn die Schlange während der Sprechzeit gerade angenehm kurz ist. Doch ein solcher Blick aus dem Fenster ist die Ausnahme und sollte generell durch einen Blick auf einen Buchungsbildschirm ersetzbar sein.

Für alle unübersehbar ist, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen durch Corona beispielsweise mit Video-Sprechstunden stark beschleunigt wurde und doch noch viel zu zögerlich daherkommt. Besonders die Hausärzt*innen stehen auf der Bremse. Fast jeder fünfte Arzt tauscht Informationen mit Kolleginnen noch via Faxgerät aus. Das besagt eine aktuelle Umfrage, für die der Digitalverband Bitkom gemeinsam mit dem Ärzteverband Hartmannbund Antworten bei mehr als 500 Ärzten in Deutschland eingeholt hat.

Das heißt, der Inhalt eines beschriebenen beziehungsweise bedruckten Stücks Papier wird von einem Faxgerät kopiert und auf einem zweiten Faxgerät am anderen Ende der Fernmeldeleitung auf einem weiteren Stück Papier wieder ausgedruckt. Sofern die Faxadresse stimmt und die zugehörige Leitung gerade nicht belegt ist. Irgendwann wird das Fax – hoffentlich – von Mitarbeiter*innen oder Mediziner*innen entdeckt, die gerade nicht „am Patienten“ arbeiten.

Stichwort „Telemedizin“: Haben Männer besondere Hemmungen, wenn es um Innovationen geht, die der Gesundheit nützen? Der Verdacht drängt sich auf, denn immerhin drei Viertel der befragten Ärztinnen sehen die Digitalisierung im Gesundheitswesen als Chance. Fast ein Drittel ihrer männlichen Kollegen betrachten elektronische Daten im medizinischen Betrieb hingegen vorrangig aus der Risikoperspektive.

Hier müssten die Krankenkassen ran, um die Krankheitsexperten beim Einrichten und Erproben ihrer digitalen Hard- und Software-Ausstattung an die Hand zu nehmen. Daneben existiert ein Modell, demzufolge Gesundheitsunternehmen den Ärzten Laptops, Software-Umgebung und technologische Unterstützung liefern, wenn diese sich revanchieren, indem sie einige Stunden via App ärztliche Beratung und Sprechzeiten im Auftrag der Health-Company anbieten.

Klar ist: Die Technik hinter Video-Sprechstunden muss anwenderfreundlich und intuitiv nutzbar sein, durch Ärzt*innen wie durch Patient*innen. Doch solange Video-Konsultationen nicht auf Dauer ebenbürtig zum Sprechzimmer-Besuch der Patienten honoriert werden, haben Ärzte keine Motivation, sich mit der verfügbaren Technik zu beschäftigen. Das bedeutet, die Patient*innen bleiben im Regen stehen. Beispielsweise, wenn sie sich während einer Pandemie nicht im Wartezimmer anstecken sollen und trotzdem mit dem Arzt eine Operation vorbesprechen müssen.

Deutschland muss sich beeilen: Nicht nur beim Begrenzen von Infektionsausbrüchen durch geeignete Software können langes Zögern und Feilschen Menschenleben kosten.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

Digitales Impfmanagement muss schnell, zentral und einheitlich eingeführt werden: Föderativer Wirrwarr

Von Annegret Handel-Kempf

Im Land der Dichter und Denkerinnen, der Ingenieure, der Fortschritts- und Hightech-Pionierinnen wird zu kurz gedacht und zu unsystematisch vorgegangen. Und das ausgerechnet in einer Pandemie, in der Krisenmanagement in alle Richtungen erforderlich ist. Auch nach vorne gewandt. Derzeit sieht es eher so aus, dass im Sinne der föderalen Aufgabenteilung die Massenimpfung nicht zentral zusammengeführt und somit zum Chaos-Event wird.

Die positive Nachricht: Impfbereitschaft ist mit rund 72 Prozent (Stand: Anfang Februar) bei genügend Menschen da, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das geht aus zwei aktuellen Umfragen
des Digitalverbands Bitkom zur Corona-Warn-App und zur Corona-Impfung, unter jeweils mehr als 1000 Menschen in Deutschland ab 16 Jahren, hervor. Beachtliche 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, wir bräuchten mehr Tempo bei der Impfung. Bemerkenswerterweise sagen auch zwei Drittel derer, die sich nicht impfen lassen wollen, die anderen sollten sich schneller impfen lassen.

Beklagenswert ist, dass 37 Prozent angeben, bei 50 Versuchen ihre Impftermin-Organisation aufgegeben zu haben. Fast ein Drittel der Impfwilligen brauchte mehr als 50 Ansätze, um einen Impftermin zu bekommen. Mit Abbrüchen und Warteschleifen ist Tempo schlecht zu bewerkstelligen, um die drastischen Auswirkungen der Corona-Pandemie endlich zu beenden. Professionalisiert wird die Buchung mancherorts jetzt mithilfe eines Konzertveranstalters und eines Arzttermin-Portals. Einheitlichkeit ist nicht in Sicht.

Problematisch wird es beim weitergehenden Impfmanagement. Wer geimpft worden ist, sollte dies verlustfrei dokumentieren. Dabei geht es nicht in erster Linie um eventuelle Zugangserleichterungen zu Kultur, Sport oder Reisen. Sondern es geht vor allem um die lebenswichtige Frage, ob eine Impfung irgendwann erneuert oder nachgebessert werden muss. Auch damit sich keiner zu Unrecht vor Mutationen geschützt fühlt.

Eine Push-Mitteilung: „Lassen Sie sich neu impfen“ oder „Sie sind weiter geschützt“ wäre hilfreich. Doch dazu muss Impfen digital erfasst werden und beim Geimpften digital verfügbar sein. Etwa in einer App auf dem Smartphone, denkbar auch als Ergänzung zur Corona-Warn-App. Oder in einem anderen digitalen Zertifikat, das später in einen digitalen Impfausweis übernommen werden könnte. Sobald dieser technisch umgesetzt ist und beispielsweise auch beobachtete Nebenwirkungen einer Impfung erfassen könnte. Zwei Drittel der Befragten wollen auf den digitalen Impfpass umsteigen.

Unter den befragten Über-Sechzehnjährigen votieren 61 Prozent für ein vollständiges digitales Impfregister, das alle Geimpften und Impfwilligen umfasst. Bitkom-Präsident Achim Berg berichtete, dass der Verband in allen Bundesländern bei den Kassenärztlichen Vereinigungen nachgefragt habe. Unterm Strich ergab sich für die Bitkom dabei ein Bild von „Wirrwarr“. Berg betonte bei der Vorstellung der Studien daher zu Recht: „Die Ausbreitung des Corona-Virus‘ können wir nicht mit Fax, Bleistift und überlasteten Telefonhotlines verhindern, sondern mit Datenplattformen, einer bundesweit einheitlichen, digitalen Organisation von Impfterminen und einer Corona-Warn-App, deren Potentiale besser ausgeschöpft werden.“

Vorerst wird der Wirrwarr wohl weitergehen: Von Landkreis zu Landkreis, zwischen Bundesländern, auf europäischer Ebene und weltweit. Vor allem amerikanische Unternehmen seien der Bitkom zufolge dabei, schnell einführbare Pässe zu entwickeln, über die der Corona-Impfstatus eines Menschen jederzeit digital abrufbar und mitführbar wäre. „Interoperabel“, also auch auf Reisen in andere Gesundheitssysteme, müssten solche Zertifikate perspektivisch nachvollziehbar sein.

Im Vergleich zur Weltgesundheitsorganisation WHO, die bei ihren Bemühungen um ein digitales Impfzertifikat und digitalen Impfausweis sehr viele Interessen unter einen Hut bringen muss, geht es in Deutschland dem Vernehmen nach sogar recht zügig zur Sache. In drei Wochen ließe sich ein digitales Impfzertifikat etwa als Smartphone-App programmieren. Dennoch gibt es solche Ansätze nur in einzelnen Impfzentren. – Aber wir haben ja erst ein Jahr Pandemie. Da muss man über zentrale Fragen der Digitalisierung und Daten-Verdichtung wohl in Deutschland noch länger nachdenken.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.

Präsenzunterricht ist nur zu verantworten, wenn die Luft rein ist: Spart nicht an den Schülern – Schafft endlich Luftreiniger an!

Kaum eine Lockerung des Lockdowns wird so vehement gefordert, wie die Rückkehr von Schüler*innen an die Schulen. Doch solange Lehrer*innen, Kinder und Jugendliche nicht umfassend geschützt werden, ist das schwierig. Wechselunterricht kann nur dann ein Anfang sein, wenn möglichst viel für die Ansteckungsprävention getan wird. Die Sachaufwandsträger müssen endlich die Fördertöpfe nutzen und mobile Luftreiniger mit hoher Filterwirkung in den Klassenräumen aufstellen, bevor weitere Schüler*innen in die Schulen zurückkehren.

Von Annegret Handel-Kempf

Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Geld muss auch für die Gesundheit von Schüler*innen locker gemacht werden.

Große, mobile Raumluftreiniger können hocheffizient wirken. Als Standgeräte, teils sogar auf Rollen, lassen sie sich einfach anschaffen und aufstellen. Eine integrierte, thermische Reinigung ihrer Filter erhöht die Hygiene, reduziert den Wartungsaufwand und die Funktionskosten.

Sachaufwandsträger, in der Regel sind das die Kommunen, nutzen als Ausrede gerne bereits vorhandene, festverbaute, raumlufttechnische Anlagen (RLTAs). Doch deren Umrüstung wäre teuer und zeitaufwendig und für die jetzt geforderten Schulöffnungen zu spät abgeschlossen. Denn die Aufwertung von stationären Lüftungsanlagen im Bestand zu vireneffektiven Raumluftreinigern braucht zu viel Zeit für Genehmigungsverfahren und reichlich Geld für den nicht unkomplizierten Umbau.

Manch moderne, stationäre RLTA tauscht die Luft stündlich komplett aus. Das klingt gut, reicht aber nicht. Die Viren bleiben als Last im Raum, wenn die Luftwechselrate nicht deutlich erhöht wird.

Fest verbaute RLT-Anlagen könnten gegebenenfalls auch im Winter bei Frost effizient arbeiten, sofern sie für einen Umluftbetrieb mit hochklassigen Filtern ausrüstbar sind. Hier besteht aber die Gefahr, dass virenhaltige Aerosole wieder dem Raum zugeführt werden. Davor warnt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihrem Dokument „Infektionsschutzgerechtes Lüften – Hinweise und Maßnahmen in Zeiten der SARS-CoV-2-Epidemie“. Deshalb sollten „geeignete Methoden zur Luftbehandlung mittels Abscheidung oder Inaktivierung von Viren“ angewandt werden.

Die Behörde nennt als geeignetes Filtersystem HEPA-Filter nach DIN 1822-1. Zusätzlich sei der Volumenluftstrom anzupassen, damit nicht ein Überdruck den Luftwechsel senkt und Undichtigkeiten in den Lüftungsleitungen begünstigt.

Klingt kompliziert. Einfacher sind mobile Luftreiniger, die ein Jahr nach Beginn der Pandemie schon längst in jedem Klassenzimmer und anderem Unterrichtsraum stehen könnten. Doch Eltern, Virologen und Schulen rennen bei den Sachaufwandsträgern gegen Wände. Ausgerechnet hier schlägt in Pandemie-Zeiten der Sparfuchs durch.

Worauf es ankommt: Wenn nicht genügend frische Luft über Fenster hereinkommt, muss die Technik helfen. Sagt auch das Umweltbundesamt (UBA). Denn fünf- bis siebenmal pro Stunde sollte die Luft in Innenräumen komplett gegen frische Außenluft ausgetauscht bzw. wirksam gereinigt werden. Das heißt, ein Luftreinigungsgerät muss zur Corona-Prävention innerhalb von 60 Minuten etwa das sechsfache Luftvolumen des Raumes filtern. Und zwar (in der zweiten oder dritten Filterstufe) mit einem HEPA-Filter (hochabscheidender Schwebstofffilter, High Efficiency Particulate Air Filter) der Klassen H13 besser noch H14, der nach der DIN-Norm EN 1822-1 geprüft ist. „Nur diese Filter scheiden auch wirklich 99,995 Prozent der Aerosolpartikel ab, die diese Viren tragen“, betonen Professor Christian Kähler und seine Mitautoren in ihrer August-Studie zur Frage: „Können mobile Raumluftreiniger eine indirekte SARS-CoV-2 Infektionsgefahr durch Aerosole wirksam reduzieren?“. Kähler forscht am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg.

Solange nicht Fachfirmen wirksame, mobile Luftreiniger aufstellen, besteht die Gefahr, dass in den Schulen vorhandene Sekundärluftgeräte als Ersatz genutzt werden. Das darf nicht geschehen. Denn beispielsweise Ventilatoren oder Heizluftgebläse könnten „Tröpfchen oder Aerosole mit Viren unter Umständen auf andere Personen lenken und so das Infektionsrisiko steigern“, lautet eine Warnung der Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin-Behörde BAuA vor Virenumtriebigkeit durch raumluftdurchmischende Technik ohne Reinigungswirkung.

Je länger keine verlässlichen Geräte angeschafft werden, desto größer wird die Gefahr, dass improvisiert und gebastelt wird, um Viren zu vertreiben: Die Weltgesundheitsbehörde WHO, das Umweltbundesamt (UBA) und diverse andere Institutionen raten, im Umfeld von Menschen auf Raumluftreiniger zu verzichten, die (ergänzend) mit ultravioletter Strahlung, elektrostatischer Wirkungsweise, Ozon, Plasma und Ionisierung wirken. Sie könnten reizen oder die Gesundheit gefährden. Hände weg, das gilt auch bei ungeprüfter und unerprobter Billigware aus zweifelhafter Quelle und mit niedrigen Standards. Aktivkohle-Filter, in Durchsatzgeräten häufig gegen Gase und Gerüche eingesetzt, haben allein keine Wirkung auf Viren.

Derzeit werden sehr viel mehr CO2-Messgeräte als mobile Luftreiniger in Schulen aufgestellt. In Bayern beispielsweise verteilt eine Staatssekretärin des Kultusministeriums großzügige Mengen der sensorischen Belastungsmesser, aber nur wenige Luftreiniger.

Immerhin könnten Kohlendioxid-Messgeräte feststellen, ob wirklich Luft ausgetauscht wird. Sie dürften jedoch nicht als Indikator für die Virenlast im Raum missverstanden werden. Dies rechneten Kähler und Kollegen Ende September in einer weiteren Studie mit dem Titel: „Schulunterricht während der SARS-CoV-2 Pandemie ‒ Welches Konzept ist sicher, realisierbar und ökologisch vertretbar?“ anhand mathematischer Modelle vor. Das Problem der Kohlendioxid-Messer: Anzahl und Aktivität der Menschen im Raum berücksichtigen die CO2-Ampeln den Forschern zufolge nicht und sie zählen keine Viren.

Fenster-Aufreißen reicht nicht. Und CO2-Messer wiegen uns in falscher Sicherheit. Lüften vor Unterrichtsbeginn treibt vorübergehend sogar die Aerosol-Konzentration hoch, während der CO2-Wert sinkt. Das stellte ein Team um Joachim Curtius von der Arbeitsgruppe Experimentelle Atmosphärenforschung an der Goethe-Universität Frankfurt fest, als es in einer Schule mobile Luftreiniger mit einem HEPA-Filter ausprobierte und seine Ergebnisse in einem Preprint veröffentlichte.

Fazit – Endlich shoppen gehen und mobile Hochleistungs-Luftreiniger kaufen: Investitionen in mobile Luftreiniger werden teilweise vom Staat gefördert. In Bayern in einer zweiten Antragsrunde noch bis Ende März, mit bis zu 50 Prozent bzw. einem Förderhöchstbetrag von 1.750 Euro pro Raum.

Mehrere solcher Geräte wurden in Deutschland neu entwickelt und von Wissenschaftlern intensiv getestet. Als Referenz-Produkt für seine Studien verwandte das Institut für Strömungstechnik und Aerodynamik der Bundeswehr-Uni München solche Hochleistungs-Luftreiniger. Die mobilen Geräte wurden mit besonders hoher Filtervolumenleistung speziell für mittlere und große Räume wie Schulklassen, Büros oder Gastronomieräume konstruiert und getestet. Die Viren im Filter sollen durch die Erhitzung zerstört und der Entstehung von Bakterien, Biofilmen und Pilzen ohne gesundheitsschädliche chemische Zusatzstoffe oder UV-C-Strahlung entgegengewirkt werden.

Krankheiten, die durch Keime, Bakterien und Viren hervorgerufen werden, inklusive Corona und Influenza, sollen mit mobilen Luftreinigern vermieden, die Pollen- und Staubbelastung gesenkt und das Wohlbefinden von Allergikern und Asthmatikern gesteigert werden. Lernen würde so leichter und angenehmer.

Das heißt, mobile Luftreiniger könnten auch nach der Corona-Pandemie dazu beitragen, dass Kinder entspannter im Klassenzimmer sitzen und weniger Krankheiten aus der Schule mit heimbringen. Das sollte uns die Anschaffung wert sein. Und gegenwärtig ist Präsenzunterricht sowieso nur dann zu verantworten, wenn die Luft so rein ist, wie es technische Maßnahmen hergeben.

Copyright des Textes by Annegret Handel-Kempf, Redaktionsbüro Smarte Zeitung: Veröffentlichung, Abdruck und Verwendung der Inhalte nur mit Nennung der Autorin und gegen Honorierung. Bankverbindung und VG-Wort-Karteinummer auf Anfrage.